Im  Zusammenhang mit den Recherchen des Kommunalvereins zum Schicksal der jüdischen Familie Marcus in Groß Borstel wurde auch die Frage gestellt, ob es „Stolpersteine“ in Groß Borstel gibt. Das Projekt STOLPERSTEINE erinnert durch kleine Gedenksteine an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor deren früheren Wohnorten.

Ja, es gibt einen Stolperstein vor dem Jakob-Junker-Haus, Borsteler Chaussee 23. Er wurde von Elisabeth Lingner, der ehemaligen Präsidentin der Nordelbischen Synode gespendet, und erinnert an WILHELM SCHERFIG mit folgendem Text: HIER WOHNTE WILHELM SCHERFIG JG. 1899, VERHAFTET 1938/40/43, KZ FUHLSBÜTTEL, TOT AN HAFTFOLGEN , 8.2.1945.

Der Buchhalter Wilhelm Scherfig wurde am 21. Januar 1899 in Gadenstedt/Kreis Hildesheim geboren. Nach dem Abschluss der Volksschule, machte er eine kaufmännische Lehre. 1938 heiratete er Emma Meyer. Aus der Ehe sind keine Kinder hervorgegangen. Im gleichen Jahr  wurde er wegen fortgesetzten Vergehens gegen § 175 zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Am 11. November 1940 wurde er wegen  Beleidigung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt („Es handelte sich gleichfalls um eine homosexuelle Betätigung, die jedoch im Versuchsstadium steckengeblieben war und nur als Beleidigung strafrechtlich erfasst werden konnte“).

Am 23. Februar 1943 geriet Scherfig durch eine Polizeirazzia erneut in die Fänge der Kriminalpolizei. Was war geschehen? Polizeibeamte fahndeten in einschlägigen Lokalen und öffentlichen Bedürfnisanstalten rund um den Hauptbahnhof nach „Unzucht treibenden Männern“. Dabei betätigte sich ein Beamter in Zivil als Agent Provocateurs in der Bedürfnisanstalt Lange Reihe/Ecke St. Georgs-Kirchhof. Angeblich soll ihn Scherfig dort berührt haben (aus dem Protokoll: „An dem Gesichtsausdruck war zu erkennen, dass er sich in einer geschlechtlichen Erregung befand“). Scherfig wurde festgenommen und wegen tätlicher Beleidigung und des Verdachts des Vergehens gegen § 175 unter Anklage gestellt. Im Verhör gab er zu, dass er 1941 und 1942 insgesamt dreimal sexuelle Kontakte zu Männern hatte. Am 16. April verurteilte ihn das Amtsgericht Hamburg, Abteilung 131, zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis (aus dem Urteil: „Da die beiden einschlägigen Vorstrafen keine nachhaltige Wirkung bei ihm ausgelöst haben, erschien nunmehr eine empfindliche Freiheitsstrafe am Platze“).

Nach der Strafverbüßung ist Wilhelm Scherfig am 7. Dezember 1944 erneut festgenommen worden. Er starb am 8. Februar 1945 im Zentrallazarett des Untersuchungsgefängnisses Holstenglacis an einer Harnvergiftung. Da der letzte frei gewählte Wohnsitz von Wilhelm Scherfig in der Borsteler Chaussee war, soll dort ein Stolperstein an sein Schicksal erinnern.

Soweit wurde bisher der Lebens- und Leidensweg von Wilhelm Scherfig durch die Autoren Bollmann und Rosenkranz aufgezeichnet. Derzeit sind die Verfasser dieses Artikels damit befasst, weitere Quellen im Hamburgischen Staatsarchiv hierzu auszuwerten und gegebenenfalls die o.e. Kurzbiographie weiter zu ergänzen.

Auch konnte das bisher unbekannte Schicksal des ehemaligen jüdischen Groß Borstelers Meier Ohlhausen, umgekommen im Ghetto Theresienstadt 1943, recherchiert werden. Hierzu  ausführlich mehr in der nächsten Ausgabe des Borsteler  Boten und der Regionalen Andacht zum Gedenken an die „Reichspogromnacht“ am 09.11.2016 um 19:00 Uhr in St. Peter.

Koser und W. Jäger