Fritz Stavenhagen

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B. Pflugmacher (Quelle: Hamburger Kunsthalle, Archiv 94):

Etwas mehr über Fritz Stavenhagen

Bei unserem Jubiläum Ende August hatte ich das große Vergnügen, einige Gäste durch das Stavenhagenhaus führen zu dürfen. Das hat mir sehr viel Freude gemacht. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Teilnehmer über den Namensgeber des Hauses entweder ihr Wissen nicht preisgegeben wollten oder vielleicht nur zu schüchtern waren.

In der heutigen Zeit geht der Mensch, wenn er etwas genauer wissen möchte, ins Internet und findet bei wikipedia Erklärungen und weitere Hinweise. Dort ist über das Leben und Schaffen von Fritz Ernst August Stavenhagen auch das Wichtigste aufgeführt. Der Leser erfährt, dass der niederdeutsche Dichter und Erzähler um seine Anerkennung und sein tägliches Auskommen kämpfen musste. Die Zeit für niederdeutsche Theaterstücke war noch nicht gekommen.

Wie sein Überlebenskampf wirklich ausgesehen hat, erfahren wir beispielsweise aus einem kurzen Briefwechsel mit Alfred Lichtwark aus dem Jahr 1905, also aus der Zeit, in der der Dichter in Groß Borstel lebte. So schreibt Lichtwark ihm am 1. Mai: „ … die  Plaut-Stiftung bewilligt Ihnen die nöthige Summe als Ehrengabe zu übermitteln. Sie bestrebt sich, gerade für solche Fälle wie den vorliegenden zu wirken. Statuten-gemäß braucht sie einen Antrag von Ihnen. Den Bogen füge ich bei. Senden Sie ihn bitte ausgefüllt möglichst umgehend an Herrn Rose oder Herrn M. M. Warburg, Hamburg, Ferdinandstor 75.“

Stavenhagen antwortet am 28. Mai: „… Die 100. M habe ich mir gleich abgeholt; … Inzwischen habe ich mir 100. geliehen. Wenn Ihre sehr dankenswerten Bemühungen nichts gefruchtet haben, ist es wohl das beste ich gehe zu Herrn Prof. Brinkmann. Ich komme mit der Reinschrift des rugen Hoff kaum vorwärts. Vorgestern hatte ich einen Magenkrampf und seit gestern liegt meine Frau in Wehen. Ich weiß nicht, wohin ich greifen soll.“

Stavenhagen hatte wohl seit längerer Zeit erhebliche Magenprobleme, denn er teilt am 04. Juni mit: „… Mein Magenkrampf war dies mal außergewöhnlich schwer, erst seit gestern nimmt mein Magen wieder etwas Milch und Wasser an, bis dahin, durch volle acht Tage, weder ein Schluck trinken noch sonst irgend etwas. Da stehe ich mit meinem „rugen Hoff“ natürlich auf dem alten Standpunkt: der erste Akt ist in Reinschrift fertig, der zweite eben begonnen. Eben erhalte ich vom Club von 1894 durch Herr Ernst Merck ebenfalls 200.- M., liegt da vielleicht ein Irrtum vor? Daß dies Geld an Sie gehen sollte und die mir nun von Ihnen gesandten 200.- dieselben sind? Sonst wäre ich ja auch bereits für Juli versorgt.“

Lichtwark ist besorgt und antwortet am 06. Juni: „… es hat alles seine Richtigkeit. Damit unter allen Umständen eins klappte, hatte ich an zwei Stellen angesetzt. Es sind also nun die Mittel für zwei Monate. Wollen Sie M.100 zur Rückzahlung des entgegengenommenen Geldes? Steht sofort zur Verfügung. Darum habe ich noch M.200 für einen weiteren Monat liegen. Und dann kommt das weitere denke ich. Bescheid habe ich noch nicht, aber ich bin so gut wie sicher. Thun Sie nicht gründliches für Ihren Magen? Haben Sie keinen Arzt? Müßten Sie nicht in ein Bad?“

Am 24. September erfahren wir von Stavenhagen: „… Mein Leiden hat sich ja Gott sei Dank! seitdem ich einen um den anderen Tag Dampfbad mit Leibmassage nehme, bedeutend gebessert; aber es geht auch furchtbar ins Geld. Ich hatte mir die Miete von 112,50 für den 1 Oktober zurückgelegt, habe sie aber nun doch schon anbrechen müssen. Wohin soll ich mich wenden mit der Bitte, daß das Geld um einen Tag früher abgeschickt werden möge, damit ich es schon am 1 Okt in Händen habe und so rechtzeitig die Miete bezahlen kann. Es ist ja dann auch das letzte Geld und an eine Aufführung glaube ich nicht mehr, nun dieses so gänzlich alle Hoffnung nimmt.“

Bis November hatte sich nicht viel verändert, denn in dem Brief vom 9. November lesen wir: „… Sie werden mich zwar für sehr unbescheiden halten, aber mein kürzlich wieder sehr schlimm auftretendes Leiden zwingt mich zum Schreiben. Ich habe mich vor 14 Tagen bereits an die Schillerstiftung gewandt, da die zuletzt erhaltenen 200  – durch die Miete von 112,50 gleich geschmälert wurden  –  und erhalte von Dr. Hans Hoffmann die Anschrift, daß vor Ablauf von 6 Wochen keine Entscheidung da sein kann; also nicht eher als Ende November. Ich war auch schon bei Herrn Prof. Brinkmann, wohin mich Herr Prof. Weltrich verwiesen, der Herr ist aber auf Reisen. Ich hätte schon eher an Sie geschrieben, weil Sie mir sagten, für November würde wohl ersterer dasein, aber ich fürchte zu stören oder lästig zu fallen; nun kann ich freilich doch nicht anders. „Der Ruhe Hof“ und Mudder Mews sind ja endlich untergebracht, aber vor Jan. – März ist an keine Aufführung zu denken. Wenn nur Herr Baron Berger die Übertragung zum „Deutschen Michel“ lesen wollte. Ich habe ihm geschrieben, aber noch keine Antwort. Wie komm ich am besten aus dieser Lage?“

Wir erkennen, dass es nicht nur die materielle Not war, die ihn verzweifeln ließ, sondern vor allen Dingen der Kampf um seine Werke zermürbte ihn. In seiner Frau Hanna, geb. Müller, mit der er seit Ende 1902 verheiratet war, fand er eine große Stütze. Aber auch sie war machtlos gegen die vielen Schicksalsschläge.

Am 11. November teilt er Lichtwark mit wie um ihn steht: „ … Die Ablehnung des „ruhen Hofs“ auf dessen Annahme von Herrn Dr. Brahm ich sehr fest gebaut habe, hat mich so sehr mitgenommen, daß die alten Magenkrämpfe wieder aufgetreten sind, und so stark, daß ich die Morphium – Pulver ausbrach und der Arzt mir die starke M. Einspritzungen geben mußte. Es ist eben viel Nervosität und Aufregung die besteht. Und nun will mir nach Ihrem Schreiben scheinen, daß Sie mit mir nicht zufrieden, mir böse sind. Ich weiß ja nicht ein noch aus. Herr Dr. Heine sagte mir daß die Absicht besteht meine „Mudder Mews“ in den ersten Kreisen Hamburg aufzuführen. Davon wird wohl nichts, weil ich noch kein Wort weiter davon gehört habe. Das Geld aus der Plaut-Stiftung habe ich ja schon alles empfangen. Das hatte mich so glücklich gemacht und aus Sorgen und Krankheit heraus gerissen! Nun denke ich mich mit einem Gesuch an die Schillerstiftung zu wenden um wenigstens den Ausfall der Erstaufführung vom „ruhen Hof“ vom Carl Schultze Theater abwenden zu können. In allem, bitte, seien Sie mir nicht böse! Wie ich dazwischen sitze, und dabei noch geistig tätig sein soll, da wählt man leicht ein falsches Wort.“

Auch Lichtwark konnte nur wenig helfen und schreibt am 14. November: „… ich bin sehr bestürzt und unglücklich, daß Sie meinen konnten, ich „sei Ihnen böse“. Wie käme ich dazu? Bei der aufrichtigen Bewunderung Ihrer Begabung müßte eher etwas Sonderbares geschäen, wenn solch ein Fall eintreten könnte. Ich habe Sie um Entschuldigung zu bitten, daß mein vielleicht zu kurzer Brief kurzangebunden schien. … Bei Heine werde ich nach-fragen. … Gute Besserung“

Der Briefwechsel endet hier. Stavenhagen starb am 09. Mai 1906 im Alter von 29 Jahren an einem Gallenleiden

 

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Traute Matthes-Walk, im April 2001:

Es gibt wohl keinen Einwohner in Groß Borstel, der nicht das große Herrenhaus in der Frustbergstraße 4 – das Stavenhagenhaus – kennt. Nach der Stavenhagenstraße befragt, würde sicher schon eine Reihe Groß Borsteler keine erschöpfende Auskunft geben können. Wie viele Groß Borsteler aber können die Frage nach dem Namensgeber Fritz Stavenhagen beantworten? Wer war Fritz Stavenhagen, wann lebte er und was machte ihn berühmt?

Fritz Stavenhagen wurde am 18.9.1876 in Hamburg als Sohn eines aus Mecklenburg stammenden Kutschers geboren und starb –  noch nicht 30 Jahre alt – am 9.6.1906 an einem Gallenleiden. In den letzten zwei Jahren seines kurzen Lebens wohnte er in der Königstraße in Groß Borstel, die nach seinem Tod nach ihm benannt wurde. Als das während des II. Weltkrieges völlig heruntergekommene Herrenhaus in der Frustbergstraße abgerissen und im Jahre 1962 aus Lottomitteln originalgetreu wieder aufgebaut worden war, benannte man es nach Fritz Stavenhagen, dem niederdeutschen Dichter.

Was seine Bedeutung ausmacht, ist sehr schön in einer Würdigung im Dichterbuch von Jakob Bödewadt „Zwischen den Meeren“ aus dem Jahre 1920 beschrieben, die wir nachstehend abdrucken:

„Für die niederdeutsche Bühne zumal, aber auch für die dramatische Dichtung überhaupt, bedeutete es einen schweren Verlust, als das Schicksal Fritz Stavenhagen schon im Alter von 30 Jahren aus Leben und Schaffen abrief. Der in Hamburg geborene Nachkomme eines mecklenburgischen Bauerngeschlechts war nicht nur auf bestem Wege, durch die Lebensfülle und Bühnenwirksamkeit seiner plattdeutschen Dramen der Stammessprache Niederdeutschlands das Theater im weiten Umfange zu erobern; er wie kein anderer hatte, von der sprachlichen Seite seiner dramatischen Werke ganz abgesehen, die Anlage und Aussicht, der deutsche Lustspieldichter großen Stils zu werden. Was er in seinem allzu kurzen Leben hat schaffen können, ragt schon zum guten Teil in die große Literatur hinein; denn die Gabe der plastischen Menschengestaltung und der überlegen sicheren Handlungsführung, das Kennzeichen für den geborenen Dramatiker, tritt schon in den ersten Versuchen zutage und erscheint bald zur Meisterschaft entwickelt.

Der niederdeutschen Dichtung im besonderen gehören die Dramen in doppelter Hinsicht zu eigen: einmal wegen ihrer plattdeutschen Sprache, die sich hiermit zum erstenmal wieder Zugang zur ernsten Bühne verschafft hat, dann aber vor allem wegen ihres Gehalts, wegen des ausgesprochenen niederdeutschen Charakters der Menschen und Zustände, die in ihnen dargestellt werden. Das niederdeutsche Drama ‚Mudder Mews‘ hat in seiner Titelgestalt nicht nur einen Einzelmenschen plastisch herausgearbeitet, sondern zugleich einen Typus getroffen, dessen Verwandte wohl jedem Niederdeutschen schon einmal begegnet sind. Für den krausen Humor und den tieferen Sinn der Komödie ‚De düütsche Michel‘ wird dagegen nicht jeder Geschmack und Verständnis aufbringen. Sein letztes Werk, die stark satirische Komödie ‚De ruge Hoff‘ ist wieder nur realistisch und somit jedermann ohne weiteres zugänglich, zwar nicht gerade erquicklich – aber es ist ja nicht Aufgabe der Kunst, allein das Gefällige darzustellen, auch die Schattenseiten gehören zu seinem Gesamtbild. Aber auch die erzählende Darstellung und außerordentliche Charakterisierungskunst steht dem Dichter zur Verfügung in der heiteren Plauderei ‚De Köksch‘.“
Auszug aus „Die Chronik Hamburgs“

Traute Matthes-Walk, im April 2001

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