Erinnerungen an Gustav Falke

Gustav Falke zum Gedenken

Zu seinem 100. Todestag am 08. 02. 2016 möchte der Kommunal-Verein Gustav Falke gedenken und daran erinnern, dass seine Kinderbücher in Prosa- und Gedichtform auch in der heutigen Zeit lesenswert sind, da sie in einem heiteren und lebendigen Ton geschrieben wurden. Seine Romane sind von Lokalkolorit geprägt, seine Epen und Novellen zeigen einen zurückhaltenden Naturalismus.

Das Familienalbum:

Hüstelnd, ganz in sich zusammengesunken, sitzt die alte Dame in dem tiefen, weichgepolsterten Lehnstuhl. Von schwarzem Seidenkleid umhüllt ein kleiner vertrockneter Körper. In schneeweißer Spitzenhaube, deren grell eigelbes Band sich schreiend von dem grünen Plüsch des Sessels abhebt, ein zartes faltenreiches Gesichtchen.

Neben der Greisin der Tod, ein älterer gutmütiger Herr mit hellem Beinkleid, schwarzem Tuchrock und goldener Brille. Er hat den rechten Arm auf die Lehne des Sessels gelegt und blättert, leicht vorn-übergeneigt, mit der Linken langsam, ganz langsam, Blatt für Blatt eines auf dem Schoß der Greisin ruhenden großen Albums um. Es liegt etwas rührend Rücksichtsvolles in der Art des alten Herrn, dessen Erscheinen das kleine Stubenmädchen vorhin mit dem ihr schon geläufigen: „Der Herr Doktor“ gemeldet hatte.

Die alte Dame betitelte ihn dann auch beständig Herr Geheimrat. „Einen Augenblick, Herr Geheimrat. Dieses Bild noch. Meine selige Schwester.“ „Hier mein lieber seliger Mann. Sie kannten ihn ja, Herr Geheimrat.“

Und gutmütig geduldet sich der alte Herr, bis die Greisin sich satt gesehen. Langsam, ganz langsam, Blatt für Blatt, wendet er um. Nach dem letzten Bild – die Betrachtende kann sich schwer davon trennen, immer kommt sie wieder darauf zurück: „Meine süße Agnes, Herr Geheimrat. Sie musste so jung sterben, kaum acht-zehn Jahre. Ein so liebes, begabtes Kind“, – nach diesem letzten Bild klappt er leise den silberbeschlagenen Deckel des dicken Buches zu. „Nun ruhen Sie sich aber aus, gnädige Frau.“ „Ja, ja, es hat mich doch angegriffen – die Augen – die Augen – -“

Ein Hüsteln unterbricht das feine Stimmchen. Und die Augen schließend, sich ganz zurücklegend, in sich zusammenfallend, gehorcht sie der empfangenen Mahnung. Wie im ruhigen Schlummer sitzt sie da.

Leise, auf den Zehen, geht der alte Herr durch den kleinen Salon. Vor der altmodischen Stutzuhr auf dem niedern Kaminsims bleibt er stehen, zieht seine schwere goldene Taschenuhr und tippt, die Zeit vergleichend, zwei, dreimal sachte, wie spielend mit dem Mittelfinder der rechten Hand auf das Stundenglas der Stutzuhr. Dann nimmt er vom nächsten Stuhl Hut und Handschuhe. In der Tür wendet er sich noch einmal nach der Ruhenden um. Wie befriedigt nickt er, und ein unendlich gütiges Lächeln verschönt sein Gesicht.

Es ist zu hoffen, dass Gustav Falke am 08. Februar 1916 ebenso friedlich eingeschlafen ist, wie er es im Familienalbum beschreibt. Der 1853 in Lübeck geborene Falke war gelernter Buchhändler. Er kehrte 1878 nach Hamburg zurück, um eine Musikausbildung zu beginnen und als Klavierlehrer sein Geld zu verdienen. Nach seiner Heirat 1888 entschloss Falke sich in den 1890er Jahren, eigene literarische Arbeiten zu veröffentlichen, fand schnell Kontakt zu den Mitgliedern der Hamburger Literarischen Gesellschaft und freundete sich u. a. mit Detlev von Liliencron (1844-1909) an.

Alfred Lichtwark (1852-1914), erster Direktor der Hamburger Kunsthalle, war nicht nur um das Fortkommen der jungen Hamburger Maler bemüht, so beispielsweise Friedrich Schaper – Groß Borstel, Violastraße – , sondern wollte allen Geistesgrößen helfen. Im Nachlass eines Kunstfreundes hatte er eine Anzahl liebenswürdiger Katzenzeichnungen Otto Speckters (1807-1871) gefunden. Für den passenden Text zu den Werken hatte sich Lichtwark Gustav Falke ausgesucht. 1900 erscheint ein Bändchen der Liebhaberbibliothek „Otto Speckters Katzenbuch“ mit Gedichten von Gustav Falke und einem Vorwort Lichtwarks mit einer zweiten Auflage noch im selben Jahr. Lichtwark erwarb 1908 für die von ihm geförderte Sammlung von Bildern aus Hamburg in der Hamburger Kunsthalle ein Porträt Gustav Falkes (Öl auf Leinwand, 90×67 cm) von Ernst Eitner, sh. Abbildung. Das Vorhaben, das von Hans Olde (1855-1917) gemalte Bildnis Falkes im März 1913 für 6.000 Mark zu erwerben, scheiterte an fehlen-den Geldmitteln.

Ab 1903 – zu Falkes fünfzigsten Geburtstag – erhielt er durch die Stadt Hamburg ein regelmäßiges, festes Gehalt. Dies ermöglichte ihm nicht nur eine unabhängige schriftstellerische Existenz, sondern auch den Bau eines Hauses in Groß Borstel. „Gustav Falke: De harr sik 1904 dat feine, blaue Huus an de Brüchwischenstroot 27 boot un güng in’n feinen, hellgrauen Paletot över de Stroten“ schreibt Langenbuch im Oktober 1963 im Mitteilungsblatt Der Borsteler Bote.

B.P.

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Auszug aus den Erinnerungen an Gustav Falke – von Prof. Dr. Heinrich Geffert,  “Groß Borsteler Bote”, Ausgabe Februar 1969

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