Säuglingsheim Marienruh, heute Schule Lokstedter Damm

Wo sich heute die Kinder der Schule Lokstedter Damm tummeln, ließ 1898 ein sehr interessanter Mann das Säuglingheim Marienruh errichten: der Hamburger Kaufmann Eduard Lippert (siehe Bildbeilage, Foto Nr. 1). Ein Jahr zuvor war seine Frau Marie, geb. Zacharias, gestorben. Zu ihrem Andenken nannte er das Heim Marienruh. Es war für Säuglinge und Kleinkinder bis zu 6 Jahren gedacht. Danach wurden die Kinder ihren Eltern wieder zurückgegeben, wenn sich deren Verhältnisse gebessert hatten, oder es fanden sich Pflegeeltern. Das Heim wurde von einer Oberschwester geleitet. Drei Pflegeschwestern hatte je 12 Kinder zur Betreuung, darüber hinaus standen vier Dienstmädchen zur Verfügung.

 suglingsheim_marienruh_v.1898So sah das Säuglingsheim Marienruh,
Lokstedter Damm 38, zur Zeit seiner Gründung im Jahre 1898 aus. Das
Gebäude steht noch heute und wurde
2009 renoviert.
schule_lokst_dammDas im Jahre 2009 renovierte alte Gebäude, heute Haus Nr. 1

Nach dem Tod von Lippert  im Jahre 1925 wurde es zunächst vom staatlichen Waisenhaus und nach 1935 als Außenstelle der Schule Borsteler Chaussee/Ecke Brödermannsweg (heute Carl-Götze-Schule) genutzt. 1963 wurde daraus die “Heilpädagogische Tagesschule Lokstedter Damm”, heute nennt sie sich “Schule Lokstedter Damm”. In den Jahren 1965, 1980 und 1997 folgten Erweiterungsbauten und 2009 die Renovierung des alten Gebäude von Lippert (Fotos Nr. 2, 3+6 sowie Titelfoto des Boten)
Eduard Lippert (1844-1925) war ein reicher Kaufmann und hatte nicht nur das Säuglingsheim in Groß Borstel, sondern  noch weitere soziale Einrichtungen in Hamburg gestiftet, z.B. ein Kinderheim in Hohenbuchen bei Poppenbüttel und ein Erholungsheim für berufstätige junge Mütter in Poppenbüttel. Seit frühester Jugend war er begeisterter Freund der Astronomie. Als die Sternwarte nach Bergedorf verlegt wurde, unterstützte er diese 1903 durch die Schenkung eines kostspieligen photographischen Fernrohres. Es wurde von der Firma Carl Zeiss erbaut und zur Erinnerung an seinen Stifter “Lippert-Astrograph” genannt. Den ersten, mit dem Lippert-Astrographen entdeckten  kleinen Planeten (846) nannte man “Lipperta”.
Woher kam das viele Geld, das er so großzügig spendete?
Er war Sohn eines selbständigen Hamburger Kaufmanns, der u.a. in Südafrika eine Zweigstelle hatte. Dadurch reiste er zunächst geschäftlich dorthin, zog aber mit 36 Jahren (1880) ganz nach Johannisburg und gründete sein eigenes Unternehmen.  Wie viele in diesen Jahren, wurde er schnell sehr reich durch das Gold- und Diamantengeschäft. Dabei erhielt er erhebliche Unterstützung von seinem Vetter Alfred Beit, der auch kein Unbekannter in Groß Borstel war. Er war Eigentümer des Borsteler Jägers und schenkte ihn nach seinem Tod 1906 dem Hamburger Staat.
Ende der 1880er Jahre hatte Eduard Lippert vom König Lobengula im Matabeleland (später Rhodesien, heute Zimbabwe) die Konzession bekommen, um dort nach Gold- und anderen Bodenschätzen zu suchen, d.h., ihm wurde Land überlassen. Doch dadurch geriet er ungewollt in die große Politik. Es war die Zeit der Kolonialisierung. Die Engländer besaßen bereits die Kapkolonie und waren dabei, sich weiter nach Norden auszudehnen. Der starke Mann der Kapkolonie war der ebenfalls durch das Diamantengeschäft reich gewordene Engländer Cecil Rhodes. Im Gegensatz zu Lippert hatte er auch politische Ambitionen. Er war Mitglied des Parlaments der Kapregion und war der britischen Regierung in jeder Hinsicht behilflich bei der Expansion ihrer Kolonien.

karte_1974_rhodesien_matabelelandKarte von 1974

Die Landkonzessionen von Lippert im Matabeleland (siehe Karte) riefen jetzt den Engländer Cecil Rhodes auf den Plan. Dieser versuchte, von Lobengula ebenfalls Schürfrechte zu bekommen, erhielt jedoch – wie sich später herausstellte – nur Rechte unter der Erde, die – wie man sich denken kann – im Gegensatz zu Lipperts Konzessionen nichts wert waren.  Lippert musste fast ein Jahr lang (1891) um seine Rechte kämpfen. Zum Glück endete dieser ungleiche Kampf mit einem Sieg für Lippert.

ehepaar_lippertEduard Lippert und seine Frau Marie, geb. Zacharias rhodes_lippert_contestDer Rhodes-Lippert-
Contest: Karrikatur
der kämpfenden
Parteien, erschienen
in der Zeitung „Johannesburg Star“. Einigung durch Sir
Heny Loch,
Gouverneur von
Kapstadt.

Lippert durfte nun offiziell mit seiner Frau   zum König Lobengula ins Matabeleland reisen, um dort die neuen Konditionen auszuhandeln. Marie Lippert hat über ihre Erlebnisse auf dieser Reise – vom September bis Dezember 1891 – ein Tagebuch geschrieben und mit vielen Zeichnungen versehen.  Wie Sie sich denken können, war die Reise in dieser Zeit – besonders für eine Frau – sehr strapaziös und abenteuerlich. Wenige Jahre nach diesem Ereignis verließen die Lipperts Südafrika und – wie schon erwähnt – 1897 verstarb dann Marie Lippert.

tavel_lettersIn diesem Planwagen
reisten Lipperts durch Matabele-
land. Wenn sie nicht zelteten,
schliefen sie auch
darin. Die Rücksitze
konnten gekippt
werden.
 poststationPoststation auf
dem Weg nach Palapsye.  An
solchen Stationen gab Marie Lippert
ihre Briefe nach
Deutschland auf,
die oft wochen-
lang brauchten,
um ihren Empfänger zu erreichen.

Noch eine kleine Bemerkung zum Schluss: Sollten Sie einmal auf dem Ohlsdorfer Friedhof sein, machen Sie einen Abstecher zur Waldstraße/Kapellenstraße. Dort an dem großen Rondeel sieht man schon von weitem das  Marmor-Grabmal des Ehepaares Lippert.
Traute Matthes-Walk