Fast unbemerkt hat unser Groß Borsteler Mitbürger Otto Rohse im engsten Kreise von Familie und Freunden seinen 90. Geburtstag gefeiert. Trotz körperlicher Gebrechlichkeit, die es ihm nicht mehr erlaubt, das Haus zu verlassen, vermag er bei fast ungebrochener geistiger Frische und einer beeindruckenden Erinnerungsgabe dem Besucher Welten in der Geschichte der bildenden Kunst und der Buchgestaltung zu eröffnen. Welten, in denen er zu Hause war und durch sein lebenslanges Wirken und seine Arbeiten nach wie vor ist und auch in der öffentlichen Wahrnehmung bleiben wird.

Schon als Schüler stand für ihn außer Frage, dass sein Weg nur in die Kunst führen konnte. Einen gradlinigen Weg ließ aber schon der Krieg nicht zu, der den Neunzehnjährigen in eine 2-jährige Gefangenschaft nach Schottland brachte. Trotz kärgster Lebensumstände schaffte er es, sich Stifte und Papier zu beschaffen und z.B. seine Mitgefangenen zu porträtieren (und ihnen dann die Zeichnungen auch zu verkaufen). Man beauftragte ihn dann, eine Lagerzeitung zu drucken, was er auch geschafft hat …

Als Holz- und Kupferstecher, Typograph, Gestalter bibliophiler Bücher in eigener Presse, war er in seinem Schaffen außerordentlich vielseitig. Wohl stand er stets in engem Kontakt und Gedankenaustausch zu anderen Kunstschaffenden, Druckern, Einbandgestaltern etc.; in seiner eigenen Kunst war er aber absolut Autodidakt auf dem Weg vom Holzschnitt zu Holzstich und schließlich zum Kupferstich. Und immer war er in diesen sehr unterschiedlichen Techniken bestrebt, die höchstmögliche Vollkommenheit zu erreichen.

Schon sehr frühzeitig gründete er durch Erwerb von Druckpressen, Schneidemaschinen, verschiedensten kompletten Bleisatzschriften etc. in eigener Werkstatt die Otto Rohse Presse (ORP), in der kostbare Pressendrucke, Hoch- und Tiefdruckverfahren vereint auf wertvollem Papier mit handgesetzten Schrifttypen und erlesenen Einbänden in kleiner Stückzahl verwirklicht wurden.

Seit 2003 befindet sich die komplette Werkstatt – mit allem was dazu gehört und was hier im Klotzenmoor seine Wirkstätte war – im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und ist dort nach wie vor zumindest wissenschaftlich nutzbar.

Auch die Druckstöcke und Kupferplatten sind im Besitz von Museen: Das graphische Werk, viele seiner Bücher befinden sich heute, sofern nicht von Sammlern und Liebhabern erworben, ebenfalls in Museen:

Klingspor-Museum in Offenbach, Gutenberg-Museum in Mainz, Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, Bayerische Staatsbibliothek in München, um nur einige zu nennen im deutschsprachigen Raum.

Eine besonders hübsche permanente Ausstellung findet sich in der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden. Dort, in der architektonisch eindrucksvollen Symbiose von moderner Stahl-Glas-Konstruktion in der Ruine der vom Krieg zerstörten mittelalterlichen Großen Kirche zeigt der Otto-Rohse-Raum vor allem eine Vielzahl seiner Briefmarkenentwürfe. Etwa 60 Werte sind über viele Jahre in Serie gegangen, vor allem Architektur-Motive, Städte-Motive oder auch Tiere und Pflanzen. Zum Teil in Originalgröße in Buchsbaumholz gestochen. Man brauche schon eine Lupe! Jeder von uns älteren Mitbürgern, der noch Briefe verschickt hat, hat wohl mit Sicherheit auch schon die eine oder andere Marke mit einem Rohse-Motiv von hinten befeuchtet!

Neuerdings kann der Interessierte auch in unserem neuen Gemeindehaus von St. Peter eine große Zahl von großformatigen Kupferstichen betrachten (aber benutzen Sie auch dabei am besten eine Lupe, damit Ihnen die Präzision der Linienführung nicht entgeht!), die der Künstler in großzügiger Weise der Gemeinde vermacht hat zur Ausschmückung des Neubaus.

Vielleicht ist die Kunst des Kupferstechens heute ein aussterbendes (oder gar ausgestorbenes) Gewerbe. Vielleicht ist Otto Rohse gar einer der allerletzten bedeutenden Künstler dieses Faches? Er selbst lacht dazu: aber nein, das wird wieder kommen, die Geschichte läuft immer in Wellen.

Wir können Otto Rohse nur danken für das, was er uns durch sein Wirken geschenkt hat, und wir wünschen ihm für das, was das Leben noch für ihn bereit hält, vor allem möglichst viel Freude und Geduld.

Gerwin Grubel

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