Das älteste Mitglied unseres Literaturkreises ist mit über 105 Jahren am 12. Mai gestorben. Marianne Clemens diskutierte viele Jahrzehnte interessiert und kritisch mit uns die klassische und neuere Literatur. In den letzten Jahren wurde ihr Urteil über die neue Literatur immer kritischer. Jedes Buch las sie grundsätzlich von Anfang bis Ende durch – auch wenn es ihr überhaupt nicht gefiel, und machte sich in den ersten Jahren auch Notizen über das Werk, die sie dann im Literaturkreis vortrug. Wenn ich sie in den letzten Jahren nach dem Literaturkreis-Treffen nach Hause fuhr, diskutierten wir meist lebhaft über die besprochenen Bücher, warum uns dieses oder jenes Buch besonders gefesselt hatte, das gerade gelesene aber überhaupt nicht. Wir waren uns einig, dass lesenswerte Literatur außer einer guten Unterhaltung auch neue Anregungen für den Kopf bieten müsse.

Marianne Clemens lebte (und verstarb dort auch) seit 1938 im Butenfeld 16, in der kleinen Straße direkt hinter dem UKE. Wer sie Ende der 1990er Jahre in den Literaturkreis eingeführt hat, ist nicht mehr zu klären. Aber schon seit ihrer Jugend, wie ihre große Bibliothek zu Hause auswies, war sie eine begeisterte Leserin, sehr bewandert auch in der Literaturwissenschaft. Bei den „Bücherfreunden“ hörte sie schon in den 1920er Jahren in Chemnitz den jungen Thomas Mann, den jungen Wassermann, Stefan Zweig und Rilke aus ihren Werken lesen.

Marianne Clemens wurde 1912 in Leipzig geboren und erlebte ihre Schulzeit in Chemnitz (Sachsen) als Tochter des damaligen Landgerichtspräsidenten. Nach einem sehr guten Abitur hätte sie gern studiert, „Germanistik und Kunstgeschichte“, denn sie „träumte von irgendwelcher Arbeit im Literaturbetrieb, vielleicht in einem Verlag, von Übersetzen, Nachdichten“. Aber nach der einjährigen Hauswirtschaftsschule, der sog. Maidenschule in Miesbach in Oberbayern, um gut auf die zukünftigen Pflichten einer Hausfrau vorbereitet zu sein – sie war bereits mit Walter Clemens, dem ehemaligen Gerichtsreferendar ihres Vaters, verlobt, zerschlugen sich ihre Pläne, da ihr Vater nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus dem Justizdienst entlassen wurde und sie zudem noch eine jüdische Großmutter hatte. Ihre Eltern überlebten die kommenden zwölf Jahre in ihrem Haus in Ahrenshoop, dort heiratete Marianne ihren Walter Clemens im August 1933 auch. Das junge Ehepaar zog zunächst nach Hamburg in die Warburgstraße, aber nach der Geburt des ersten Sohnes suchten sie sich eine Wohnung „in grüner, schöner, stiller Umgebung […], die aber möglichst fünf Zimmer haben [musste], um unsere altmodischen, zusammengewürfelten Möbel beherbergen zu können. Schließlich fanden wir das Butenfeld, damals mit dem Namen Eichenallee.“

Nach dem 2. Weltkrieg ging die Familie Clemens für vier Jahre in die USA, wo Walter Clemens als einer von zwei Vertretern der jungen Bundesrepublik Deutschland über die Beendigung der noch ausstehenden Reparationszahlungen als Folge des 1. Weltkriegs verhandelte. Im Butenfeld zog Marianne ihre vier Söhne groß und verbrachte nach der Rückerstattung ihres Hauses in Ahrenshoop nach der Wiedervereinigung 1989 viele schöne Urlaube auf dem Darß. Sogar noch im letzten Sommer 2017 genoss sie drei lange Monate die reine Seeluft dort.

Ursprünglich für ihre Kinder schrieb sie ihr aufregendes Leben auf, das später in 2 Bänden veröffentlicht wurde und sie daraus einem interessierten Publikum nicht nur auf dem Darß vorlas – noch mit über 100 Jahren reiste sie zu Lesungen! Marianne war bis kurz vor ihrem Tod hellwach und an den Menschen und dem politischen Geschehen interessiert. So konnte sie bis zu seiner Wahl nicht glauben, dass die US-Amerikaner, von denen sie so freundlich nach dem Krieg empfangen worden war, einen Trump zum Präsidenten wählen könnten.

Der Literaturkreis hat viele schöne Erinnerungen an Marianne Clemens, ich hätte Marianne gern noch einige Jahre dorthin mitgenommen und mir Geschichten aus ihrem reichen Leben auf der Fahrt angehört und über Gott und die Welt mit ihr geredet, denn ihr langes Leben in einem so aufregenden Jahrhundert hätte Stoff für viel, noch zu schreibende gute Literatur geboten.

(Zitate aus dem Band „Unruhige Zeiten in unserem Land“ von M.C., Leibniz-Bücherwarte, 2005)

Saskia v. Boxberg (Mitglied im Literaturkreis des Kommunal-Vereins)

11.7.2018