HÄUSER, DIE GESCHICHTEN ERZÄHLEN

DAS KÜNSTLERHAUS AM SOOTBÖRN 22

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Groß Borstel befindet sich ein architektonisches Kleinod – zumindest noch die Reste davon -, eines der wenigen noch existierenden Häuser im Bauhaus-Stil auf Hamburger Stadtgebiet.

Es handelt sich um die ehemalige Mittelschule am Sootbörn in Niendorf. Aus Groß Borstel kann man es schnell erreichen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß, durch die Kleingärten am Ende der Borsteler Chaussee hindurch und um die südwestliche Startbahn des Flughafens herum. Auf diesem Weg hat man fast unbemerkt die Tarpenbek überquert, die heute ein Stück weit auch unter der Start- und Landebahn des Flughafens verläuft. Bis zum Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 hätte man auf dem Weg nach Niendorf sogar Hamburger Stadtgebiet verlassen, denn die Tarpenbek bildete einst die Grenze zwischen Hamburg und Preußen, vor 1866 eine Grenze zwischen Hamburg und der zu Dänemark gehörenden Herrschaft Pinneberg. Erst 1937 wurde Niendorf im Rahmen des Groß-Hamburg-Gesetzes mit 26 weiteren Gemeinden zu Hamburg eingemeindet.

Mitte der 1920er Jahre planten die drei preußischen Hamburger Vorortgemeinden Niendorf, Schnelsen und Lokstedt im Zuge einer Zusammenlegung zu einer Großgemeinde den Bau einer gemeinsamen Mittelschule und lobten dafür einen Wettbewerb aus. 96 Entwürfe wurden eingereicht. Die Hamburger Architekten Ernst und Wilhelm Langloh gewannen mit einem eher traditionellen Entwurf, der eine Klinkerverblendung und ein Walmdach vorsah, den ersten Preis. Im weiteren Verlauf der Projektplanung konnten die beiden Architekten aber die Gemeindevertreter dafür gewinnen, den Bau nach einem viel moderneren Entwurf zu verwirklichen, den sie bemerkenswerterweise „Entwurf Gegenwart“ nannten. Die Gemeindevertreter nahmen den neuen Entwurf an, um damit auch ihre Eigenständigkeit und Zukunftsorientierung gegenüber den Nachbargemeinden Hamburg und Altona zu demonstrieren, wo die Stadtplaner Fritz Schumacher und Gustav Oelsner zu dieser Zeit viele moderne Neubauten realisierten.

Postkarte aus den späten dreißiger Jahren. Das Gebäude hat hier noch die ursprünglichen drei Geschosse. Dort, wo am linken Rand des Bildes die Bäume zu sehen sind, endet heute der Flughafen. Blickrichtung ist gen Groß Borstel.

Wilhelm Langloh (1899 – 1954) hatte seine Lehrjahre in den frühen 1920er Jahren in Wien verbracht. Sein Bruder Ernst (1894 – 1965) lernte an der Baugewerbeschule Hamburg und arbeitete im Anschluss für den Hamburger Bauunternehmer Pohlmann. Zeitweise war er für Walter Gropius in Weimar tätig und hatte an den Entwürfen für das neue Bauhaus in Dessau mitgearbeitet. Er geriet jedoch mit Gropius in Streit, und sein Name wurde aus allen Entwürfen gestrichen. 1925 eröffneten die Gebrüder Langloh in Hamburg ein eigenes Architekturbüro.

Zwischen 1927 und 1929 entstand nun also am Ortsrand von Niendorf, auf freiem Feld, ein ziemlich futuristisches Schulgebäude, das sich in seiner Gestaltung an die Entwürfe von Le Corbusier anlehnte. Der zweiflügelige Baukörper wurde drei Stockwerke hoch in Skelettbauweise mit Eisenbeton errichtet und endete in einem Flachdach mit Dachgarten. Leicht vorspringende Kuben und weitere geometrische Gestaltungselemente verliehen dem Entwurf eine strenge graphische Gliederung. Nach vorne hin sorgten die großen Fensterfronten für eine vertikale Ordnung. An der Rückfront gab es mit einem nach außen ragenden Festsaalblock und schmalen Treppenhausfenstern eine eher horizontale Ausrichtung. Statt mit Klinkern verblendet wurde das Gebäude weiß verputzt.

Wie schon in Dessau, unterstützte die Firma Junkers innovative Architektur mit ungewöhnlichen Materialien, wie hier zum Beispiel das durch Wellenform stabilisierte Aluminium.

Gedacht war das Schulgebäude für 200 Schüler. Jungen und Mädchen wurden auf die beiden Flügel verteilt und dort separat unterrichtet. Im Erdgeschoss befand sich der Festsaal, der auch als Turnhalle genutzt wurde. In den beiden Flügeln waren je ein Rektorenzimmer mit Vorzimmer, ein Lehrerzimmer, ein Klassenzimmer und ein Fachraum untergebracht. Im Obergeschoss gab es vier weitere Klassenräume, zwei große Zeichensäle und einen Gesangsraum. Das Dachgeschoss nahm die Bibliothek auf. Von den Zeichensälen aus waren zwei Plattformen auf dem Dach erreichbar, die für Freiluftunterricht gedacht waren. Das Gebäudeinnere war mit einer Vielzahl an architektonischen Details ausgestattet. Der Boden, aber auch einige Wände waren mit dem damals neuen Werkstoff Linoleum ausgelegt.

Die Türen des Eingangsbereichs waren mit Wellblech überzogen, das von den Junkers-Werken stammte. Diese waren Förderer des Bauhauses in Dessau, hatten am Hamburger Flugfeld eine Zweigstelle und lieferten gerne das verwendete Material. Für die Fenster wurde eine Reihe von ganz unterschiedlichen Glasqualitäten verwendet. Der ganze Eingangsbereich, außen und innen, und die Festhalle erfuhren eine aufwändige Farbgestaltung mit blauen und roten Elementen. Für die Farbelemente war der Hamburger Dekorationsmaler Walter Wahlstedt (1898-1972) verantwortlich.

Der Maler Walter Wahlstedt entwickelte für das Gebäude eine Farbgestaltung. Farben und Formen aus seinen Bildern fanden dabei Eingang in das Konzept.

Der Bau des Gebäudes erforderte deutlich mehr Zeit als geplant, auch deshalb, weil der Entwurf im Verlauf der Bautätigkeit mehrfach geändert werden musste. Die preußischen Regierungsstellen in Schleswig und Berlin befanden den Schulbau als zu aufwändig und entzogen den Landgemeinden einen Teil der Fördermittel, um Änderungen und eine Reduzierung zu erwirken. Mit einer Million Reichsmark fielen die Baukosten am Ende dennoch sehr hoch aus. Die Schule war schließlich doppelt so teuer wie geplant. Eine ursprünglich angedachte Erweiterung der Schule wurde auch deshalb nie realisiert.

Das neue Schulgebäude wurde zu Ostern 1929 fertiggestellt und am 6. April 1929 eingeweiht. Der fertige Bau stieß bei der Bevölkerung nicht auf ungeteilte Begeisterung. Manche Niendorfer fanden die neue Schule zu fabrikähnlich und außerdem „landschaftsfremd“. Unter den Schülern hieß sie später „der Glaskasten“.

Viele Details des damaligen Baus sind bis zum heutigen Tage vorhanden und werden, wie die Tür am Ende der Treppe, benutzt. Das grafische Ornament (oben in der Mitte des Bildes) wurde gekonnt den neuen Proportionen angepasst.

Im Hamburger Fremdenblatt kam aber auch Bewunderung zum Ausdruck: „Schon von der Niendorfer Chaussee aus sieht man, breit, wuchtig und doch freundlich gebaut, das überaus interessante und eigenartige Schulhaus. Scheinbar nur aus weißer Wand und Riesenfenstern, sachlich und schön gegliedert, bestehend.“

Die Architekten Wilhelm und Ernst Langloh waren sehr stolz auf ihren Bau, holten sich den Beifall ihres Vorbildes Le Corbusier, hielten Lichtbildvorträge und luden zu Führungen in der Schule ein. Schließlich verfassten die Langlohs sogar eine Monografie über Entwurf und Bau der Niendorfer Mittelschule, mit dem Titel „Neue Synthesen von Technik und Architektur“ (1931).

Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernommen hatten, blieben Aufträge aber zunehmend aus. Die Bauhaus-Ausrichtung der Langloh-Architektur war nicht mehr gefragt. Die ganze Richtung war verfemt. Wilhelm Langloh nahm eine Stelle als Dozent an der Baugewerbeschule an. Ernst Langloh arbeitete für die Marinebaudirektion im Hamburger Hafen.

Nach dem Krieg versuchten die Langloh-Brüder einen Neustart als freie Architekten und realisierten auch einige anspruchsvolle Büro- und Wohnhäuser. Der frühe Tod von Ernst Langloh, 1954 im Alter von 55 Jahren, beendete diesen Versuch allerdings frühzeitig.

Das Langloh-Hauptwerk, die Mittelschule am Sootbörn, im Krieg nach einem Bombeneinschlag im nahe gelegenen Sportplatz nur leicht beschädigt, litt nach Kriegsende mehr und mehr unter Überfüllung – 1950 teilten sich über 1500 Schüler die Räume – und dem zunehmenden Fluglärm durch den nahen gelegenen und immer größer werdenden Flughafen. 1960 zog die Schule als Gymnasium Bondenwald in ein neues Gebäude um.

Als die zweite Startbahn des Flughafens verlängert wurde, trug man zwei Stockwerke des alten Schulgebäudes ab, da dieses sich nun in der Flugschneise befand. Der eigentlich sinnvolle Denkmalschutz wurde dem 20er-Jahre-Bau dabei nicht zugestanden.

Der elegante Eingang ins Künstlerhaus

Den Rest des verlassenen Schulgebäudes nutzte die Schulbehörde zuletzt als Möbellager. Das Gebäude verfiel und geriet selbst in Hamburgs Architekturkreisen zeitweise in Vergessenheit.

1989 wurde der Verein „Ateliers für die Kunst e.V.“ auf der Suche nach Räumen auf das Haus aufmerksam. Seit 1992 wird das Haus als „Künstlerhaus Sootbörn“ von derzeit 19 Künstlern genutzt. Neben Ausstellungen dient das Haus auch als Aufbewahrungsort für den Nachlass von verstorbenen Künstlern. 2003 wurde eine umfassende Sanierung des Hauses vorgenommen.
André Schulz

Die Qualität und Detailgenauigkeit der Sanierung ist beeindruckend.