Gert Marcus wurde am 10.11.1914 in der Violastraße 10, der heutigen Köppenstraße, hier in Groß Borstel geboren. Als Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer schwedischen Mutter floh er 1933 nach Schweden. Schon früh im Elternhaus sowie in der Lichtwark-Schule für die schönen Künste begeistert und gefördert, setzte sich der Schüler Gert in Hamburger Kunstmuseen, später dann in Stockholm und weiter auf seinen Reisen nach Paris und Amsterdam mit dem Kunstgeschehen seiner Zeit auseinander. Der Schritt, sich selbst autodidaktisch als Künstler zu entwickeln, entsprach seinem Anspruch und wurde seine Lebensaufgabe.

Er selbst erklärt dazu: „ … In den Schulen wurde erwartet, das zu lernen, was in der Vergangenheit alles geschaffen wurde. Meine Besuche in den Museen, Ausstellungen und Ateliers der Künstler lehrten mich etwas ganz anderes: die Aufgabe eines Künstlers besteht darin, selbst etwas kreativ zu schaffen. Und das heißt, etwas zu schaffen, das es vorher noch nicht gab.“ [1]

Besonders das Studium der Werke von Cézanne beeinflusste die frühe Periode seiner künstlerischen Entwicklung. Olle Granath, Kunsthistoriker und ehemaliger Direktor von Stockholms Museum für Moderne Kunst, erläuterte dazu: „Aber es genügte ihm nicht, dem großen Maler nur in seinen Fußstapfen zu folgen, nur zu lernen, wie Cézanne seine Werke mit vielfältigen Perspektiven aufgebaut oder durch seine Farbwahl Räumlichkeit geschaffen hat. 1949 verspürte Gert Marcus, dass „er im tiefsten Innern nicht zufrieden war, dass es ihm zwar leicht fiel, den Pinsel zu führen und Landschaften, Stillleben und Porträts zu malen. Die Tönungen der gemischten Farben gelangen wie gewünscht, aber die Reinheit der Farben war unterdrückt.“ Dieses Zitat lässt erahnen, welche Richtung seine künstlerische Arbeit in den weiteren sechzig Jahren nehmen sollte.“[1]

Marcus entdeckte den Einfluss der Farben aufeinander und die Bedeutung des Lichts für das Farbenerlebnis im Raum. Eine seiner zentralen Erkenntnisse aus dieser Zeit wurde zu seiner Überzeugung: die Farbe entwickelt die Form. Der Schritt aus dem Zweidimensionalen in die Dreidimensionalität und in die Welt der Skulptur war damit für ihn folgerichtig und konsequent.[2]

Sein erster Besuch in Carrara Ende der 60 Jahre wurde zu einem weiteren prägenden Ereignis seiner Künstlerlaufbahn. Carrara-Marmor mit seinen unzähligen Nuancen und Möglichkeiten wurde zur Passion. In den darauffolgenden 30 Jahren verbrachte er das Sommerhalbjahr in den Steinbrüchen und Werkstätten der Gemeinde Massa Carrara.

Gert Marcus‘ eigenwillige Skulpturen aus Marmor, aber auch anderen Materialien, sind Kunstwerke, die sowohl den Raum selbst als auch unsere Auffassung von Farbe, Form und Volumen herausfordern. Gert Marcus arbeitet mit kleinen, feinsinnigen Veränderungen der Farben und Formen, sowohl in seinen Gemälden als auch bei seinen Skulpturen. Ein Thema, das häufig in seiner Kunst wiederkehrt, ist jenes der Disjunktion. Das Wort bedeutet „etwas, das vereint ist, aber noch immer getrennt“. In Gert Marcus‘ Fall bedeutet Disjunktion, dass eine Farbe oder eine Form sich in eine andere verwandelt, ohne dass man mit bloßem Auge eine Grenze erkennen kann. [3]

Neben seinem Interesse an der Theorie der Farben, wo er sich um das historische Verständnis von Farben und deren Charakteristik kümmerte, beschäftigte ihn in seinen Aufzeichnungen auch ständig die Autonomie der künstlerischen Arbeit und ihre absolute Unabhängigkeit von allem, was nicht mit Vertiefung/Verstärkung von Farben und Formen im Raum zusammenhängt. Hier zeigt sich deutlich ein Purismus, der oftmals dazu geführt hat, dass sich Künstler in sich zurückgezogen haben, sich verschlossen haben wie eine Venusmuschel und schließlich verstummten. Dass Gert Marcus nicht in diese Falle geraten ist, verdankt er der Tatsache, dass er ständig auf der Suche nach neuen Lösungen war. Er war beseelt von einer unerschütterlichen Überzeugung, dass noch lange nicht alles gesagt war. Er hatte die Möglichkeiten, Neues zu entdecken und das gab ihm die Kraft stets weiterzumachen. [1]

3_Installationview Gert Marcus Åmells 1Seine Arbeit mit Stein ermöglichte ihm, seine Faszination für die Wirkung reiner Farben bei Seite zu schieben und sich stattdessen dem dynamischen Kontrast von Schwarz und Weiß zu widmen. Hierbei hat er seine Feinheiten dadurch zum Ausdruck gebracht, wie er den gewichtigen Körpern durch Verlassen der geometrischen Einheit eine Leichtigkeit verlieh, indem er Dynamik und Spannung zwischen konvex und konkav sowie gerade und gekrümmt schuf. [2]

5_bagarmossen_tbana_foto_Karl_af_geijerstamFür Gert Marcus war selbstverständlich, seine Kunst in den öffentlichen Raum zu stellen, denn er betrachtete seine Werke als soziale Wirkung/Handlung. Ansprache, Gestaltung und Farbgebung von Plätzen, wo sich Menschen in ihrem Alltag begegnen, waren für ihn ein wesentlicher Aspekt seiner künstlerischen Berufung. Seine philosophische Neigung machte ihn zu einem natürlichen und edel gesinnten Lehrer im empfindsamen Umgang mit Kunst. [2]

 

Marcus lässt sich schwer einer bestimmte Künstlergruppe zuordnen. Er folgte nie einem Manifest. Um 1950 herum wurde er Mitglied in der Künstlergruppe „Groupe Espace“, einer Vereinigung von Künstlern unter der Leitung des französischen Architekten und Künstlers André Bloc.

Die Groupe Espace vertrat eine der umfassendsten Ideen des Konstruktivismus und verstand Architektur, Malerei und Skulptur als ein und dieselbe Kunstgattung. Trotz dieser Kontakte ging Gert Marcus bewusst seinen eigenen Weg und entwickelte früh eine persönliche und abstrakte Formensprache, die viele Berührungspunkte mit der konkreten Kunst hat. Ihn interessierten Kugel, Würfel, Rechteck und Quadrat, die er oft zum Ausgangspunkt seines Schaffens machte. Insofern wird er als einer der großen Konkretisten seiner Generation verstanden und auch zu den praktischen Realisten gezählt. Wobei er es für sich selbst zweifellos bevorzugt hätte, nicht einer Richtung zugeordnet zu werden, sondern seine eigene Richtung und seine eigenen Theorien entwickelt zu haben.

Der Werdegang und das Wirken des Künstlers Gert Marcus ist umfangreich und wird in dem Buch, „Gert Marcus, Distansens Förvandling“ [1] eindrucksvoll vermittelt. Dieses Buch war maßgebliche Quelle für diesen Bericht und enthielt auf den Seiten 133 und 137 die zitierten Passagen. Gert Marcus´ Werke für den öffentlichen Raum sind unter anderem in Stockholm (Schweden), Eilat (Israel) und Turano Lodigiano (Italien) zu sehen und hoffentlich auch in nicht allzu ferner Zukunft hier in Groß Borstel, seinem Geburtsort.

Hans-H. Nölke

Quellen: [1] Gert Marcus, Distansens Förvandling, Carlssons Förlag, Stockholm 2013, [2] Gert Marcus, Amells Art Books, Katalog Nr. 131, Ausstellung 5.-25. 09.2015, [3] Gert Marcus – Der Meister des Marmors, www.barnebys.de/blog/artikel/4211