Ein Haus zieht um.

BorstelerChaussee_Georgihaus_1988

Häuser, Die Geschichten erzählen

Zu den schönen Relikten der bäuerlichen Geschichte Groß Borstels gehören neben dem Stavenhagenhaus besonders die alten Bauernkaten, von denen es jetzt noch vier in Groß Borstel zu bewundern gibt. Zwei davon, noch mit Reet gedeckt, stehen an der Borsteler Chaussee praktisch gegenüber, auch wenn eines der beiden Häuser die Postadresse Moorweg 1 hat. Die einstigen Bewohner der beiden Häuser kannten sich gut, noch besser, als man das von quasi Nachbarn erwarten darf. Denn die Familien beziehungsweise ihre Vorfahren wohnten nämlich einige Zeit eng beieinander, im gleichen Haus, aber nicht an dieser Stelle.

Tatsächlich bewohnte die Familie Behrens, die später das Haus im Moorweg erwarb, und die Familie Pann, die im Haus an der Borsteler Chaussee wohnte, beide in der alten Bauernkate, die jetzt direkt an der Borsteler Chaussee zu finden ist. Das Haus befand sich allerdings ursprünglich nicht an dieser Stelle.

Mit detektivischem Spürsinn hat der frühere Groß Borsteler Chronist und Heimatforscher Johannes Langenbuch anhand alter Karten und Zeichnungen die Umzugsgeschichte der Bauernkate entdeckt und 1967 für die Hamburgischen Geschichts- und Heimatblätter aufgeschrieben. Langenbuch kannte wohl auch noch Mitglieder der Familie Pann, die ihm erzählt hatten, dass dieses Haus einmal beim Umzug der Familie „mitgenommen“ wurde. Die Details der Geschichte wussten sie jedoch nicht mehr.

Die Geschichte der Bauernkate ist eng mit der Geschichte des Hauses verbunden, das heute Stavenhagenhaus heißt. Diesen Namen erhielt das Herrenhaus aber erst nach der Sanierung 1962. Zuvor war meist vom Frustberghof die Rede. Das Haus war 1703 an der Stelle eines älteren Hofes von Eibert Tiefbrunn als Sommersitz erbaut worden. Nach seinem Tod erweiterte sein Sohn Eibert Tiefbrunn junior den ererbten Besitz seines Vaters durch Zukauf einiger Grundstücke in der Nachbarschaft. Das Grundstück, auf dem sich heute die Kirche und die Häuser der Gemeinde St. Peter befinden, gehörte ebenfalls zu den Neuerwerbungen. Eibert Tiefbrunn Junior richtete hier eine Pferdekoppel ein und ließ hier für seine Angestellten eine Bauernkate bauen. Das war im Jahr 1739. 

Zu jener Zeit war das Dorf Groß Borstel noch im Besitz des Klosters St. Johannis in Eppendorf. Die Grundeigentümer von Groß Borstel mussten dem Kloster Abgaben entrichten, die in Büchern penibel verzeichnet wurden. In solchen alten Abgabelisten fand Johannes Langenbuch die Namen der Bewohner der Reetdachkate an der Pferdekoppel. 1765 bewohnte Franz Schilling, Angestellter bei Eibert Tiefbrunn, mit seiner Familie das Haus. Zu seinem Arbeitgeber hatte er offenbar ein gutes Verhältnis, denn Eibert Tiefbrunn war sogar Taufpate von Schillings Sohn, der ebenfalls den Rufnamen Eibert erhielt. Ab 1771 wohnte hier auch Hans Pann, der eine Tochter von Franz Schilling geheiratet hatte. Nach dem Tod von Hans Pann im Jahr 1788 nahm seine Witwe als zweiten Ehemann Hans von Ahn (oder von Ahnen). Ins Haus integriert war ein kleiner Kuhstall und es gab einen Anbau, in dem die oben erwähnte Familie Behrens als eine Art Untermieter wohnte. 

1776 war der Frustberghof an den Schwiegersohn von Eibert Tiefbrunns jun., an Johann Borchers, übergegangen. Nach dessen Tod wurde der Hof von Hans Goverts bewirtschaftet, dem zweiten Ehemann von Eibert Tiefbrunns Tochter. 1793 verkaufte Hans Goverts dann den Frustberghof an die Witwe Elisabeth Gossler, geborene Berenburg.

Unter der neuen Besitzerin wurde der Frustberghof zum gesellschaftlichen Mittelpunkt von Groß Borstel, auch notgedrungen. 1806 besetzten die Franzosen Hamburg und konnten erst 1814 wieder vertrieben werden. Elisabeth Gossler zog in dieser Zeit dauerhaft nach Groß Borstel um und ließ den Frustberghof ausbauen, um während der französischen Besatzung auch noch Verwandte aufnehmen zu können.

Bauernkate

Schon vorher gab es auch eine Veränderung bezüglich ihrer Angestellten, die in der Bauernkate an der Pferdekoppel wohnten. Das Angestelltenverhältnis mit den Angehörigen der Familien Pann/von Ahn und Behrens wurde 1798 aufgelöst, aus Gründen, die nicht überliefert sind. Damit endete auch das Wohnrecht der beiden Familien auf dem Gelände des Frustberghofes. Elisabeth Gossler war mit den früheren Besitzern des Hofes bekannt oder familiär verbunden und wusste so um die lange Verbindung der beiden Familien mit früheren Inhabern des Frustberghofes. Aus diesem Grund erlaubte sie der Familie Pann/von Ahn aus Dankbarkeit, das Wohnhaus beim Umzug mitzunehmen. Die Familie Behrens zog mit.

Der Weg bis zum neuen Wohnort der Familie Pann war nicht weit, etwa 100 Meter vom alten Standort entfernt. Aber mit einem Wohnhaus im Gepäck ist es doch ein gewisser Aufwand. Der Abbau und Neuaufbau einer alten Bauernkate war jedoch nicht so aufwendig, wie man heute vielleicht denken mag. Die tragenden Wände solcher Häuser standen nur auf in die Erde gestampften Feldsteinen. Zwischen dem alten und dem neuen Standort befand sich in dieser Zeit zudem ein Weg, auf dem die Teile des Hauses, vermutlich mit Hilfe eines Wagens, transportiert werden konnten. Der Weg ist im Laufe der späteren Jahre verschwunden.

Am neuen Standort an der Borsteler Chaussee betrieb die Familie Pann/von Ahn nun einen eigenen Hof und eine Gärtnerei. Die Familie Behrens bezog im August 1799 ein eigenes Haus, die oben erwähnte Bauernkate im Moorweg 1, gleich gegenüber. (Zur Geschichte des Hauses im Moorweg 1, s. Borsteler Bote, Januar 2023).

1919 gab die Familie Pann ihre Gärtnerei und den Hof an der Borsteler Chaussee auf. 1920 kaufte Johannes Georgi das alte Haus. Der Meteorologe Alfred Wegener, Abteilungsleiter an der Deutschen Seewarte, hatte seinen früheren Studenten aus Marburger Zeiten in seine Abteilung nach Hamburg geholt. Wegener wohnte bei seinem Schwiegervater Wladimir Köppen in Groß Borstel. Da die Meteorologen mit ihrer Wetterdrachenstation auf den Groß Borsteler Feldern fast täglich Messungen machten, war Groß Borstel auch als Wohnort angenehm.

Bei seinem Tod im Jahr 1972 vermachte Johannes Georgi das Haus der Universität Hamburg. Diese wollte das alte Bauernhaus erst abreißen, verkaufte es dann aber weiter.

André Schulz

Johannes Georgi