Vögel in und um Groß Borstel

Der Zilpzalp

Er wird auch Weidenlaubsänger genannt: Der Zilpzalp (Phylloscopus collybita), ein kleiner, kompakt gebauter, kurzflügeliger Vogel aus der Familie der Laubsängerartigen (Phylloscopidae).

Sein Körper ist 10 bis 12 cm lang und sehr unauffällig gezeichnet. Die Körperoberseite zeigt fast durchgehend eine olivgrünbräunliche Färbung ohne auffällige Zeichnung. Die Unterseite ist weißlich mit geringem Beige- und Gelbanteil. Er weist einen recht kurzen, hellen Überaugenstreif und einen dunklen Augenstreif auf. Die Augen umrandet ein weißlicher Ring. Der kurze, dünne Schnabel ist an der Basis und an den Seiten orange, ansonsten hornfarben. Die Beine sind dunkelfarben.

Die Geschlechter unterscheiden sich äußerlich nur in der Flügellänge. Im Mittel sind die Flügel der Weibchen 54,5 mm, die der Männchen 60,8 mm lang. Dieser Unterschied ließe sich wohl nur durch Einfangen der Vögel überprüfen.

Die Nahrung der Zilpzalpe besteht gelegentlich aus Beeren, Früchten und Sämereien, vorwiegend jedoch aus kleinen Insekten. Da die Vögel diese im Winterhalbjahr in Deutschland vergeblich suchen würden, sind Zilpzalpe Kurz- bis Langstreckenzieher. Sie verbringen nur die Monate März bis Mitte November in ihren Brutgebieten und ziehen dann in ihre Überwinterungsgebiete am Mittelmeer, am Persischen Golf und in Afrika.

Den Zilpzalp gibt es in fast ganz Europa. In Mitteleuropa ist er einer der am weitesten verbreiteten Laubsänger und man hört ihn hier im Frühling und Sommer fast überall. Der Bestand in Deutschland wird auf 3,5 bis 4,5 Millionen, in Hamburg auf 17.000 bis 18.000 Brutpaare geschätzt. Die Art ist in unserer Stadt flächendeckend verbreitet und erreicht eine gleichförmig hohe Dichte in der Gartenstadt, der Wohnblockzone sowie in den hiesigen Waldgebieten.

Die Art gilt als nicht gefährdet.  

Bei der Habitatwahl gilt der Zilpzalp als nicht anspruchsvoll. Das Nest legt er bodennah in niedrigen Sträuchern an und als Singwarte und zur Insektensuche benötigt er Bäume und hohe Sträucher. Habitate, die diese Bedingungen erfüllen, finden sich fast überall in unserer Stadt mit Ausnahme vegetationsfreier Hafengebiete.

Zilpzalpe führen meist eine monogame „Saisonehe“. Hat sich ein Paar gefunden, baut das Weibchen ein kugeliges Nest in versteckter bodennaher Vegetation von Wäldern, Parks oder nicht zu aufgeräumten Gärten. Auf die Ablage von drei bis sieben Eiern folgt eine 14-tägige Brutzeit und eine ebenso lange Nestlingszeit, in der die Küken mit Insekten, Larven und Spinnen gefüttert werden. Sie sind dann flügge und nach einem Jahr bereits geschlechtsreif. Daraus, dass auch in der zweiten Septemberhälfte noch Fütterungen von Jungen beobachtet werden, lässt sich schließen, dass durchaus Zweitbruten vorkommen.

Um den Zilpzalp sicher zu erkennen, lohnt ein Blick auf seinen häufigsten Verwechslungskandidaten. Sein sehr besonderes Detail: Der Zilpzalp hat einen – jedenfalls in freier Natur – optisch nur schwer zu unterscheidenden „Doppelgänger“. Dabei handelt es sich um den Fitis (Phylloscopus trochilus).

Dieser ist tatsächlich eine sogenannte Zwillingsart, also ein Evolutionsmodell der Artbildung durch Aufspaltung einer Spezies. Womit die ursprüngliche Art zur Gattung (hier: Phylloscopus) wurde.

Der Fitis ist etwas schlanker und langflügeliger, seine Beine sind heller und der Überaugenstreif erstreckt sich viel weiter hinter das Auge als beim Zilpzalp. Während Zilpzalpe auch in Gärten und Parks brüten, bevorzugt der Fitis dafür lichte Wälder.

Unterscheiden lassen sich die Vögel vor allem akustisch: So singt der Zilpzalp – wie schon sein Name verrät – ein recht monotones „Zilp-Zalp-Zilp-Zalp“, dazwischen gedämpft „trrret trrret“

Aus der Kehle des Fitis erklingt hingegen eine etwas schwermütig klingende, abfallende Melodie. Außerdem ist der Ruf des Zilpzalp kurz und hart „huit“, der des Fitis zweisilbig „hu-it“ und in der Tonhöhe ansteigend.

Auch in anderen europäischen Sprachen singt der Zilpzalp seinen Namen: So heißt er zum Beispiel „Tjiftjaf“ in den Niederlanden und „Chiffchaff“ im Englischen. J.R.R. Tolkien erwähnt „Chiffchaffs“ im Auenland in „Der Herr der Ringe“.

Der Zilpzalp gilt als Symbol für den Neuanfang, da er als einer der ersten Zugvögel im März zurückkehrt.

Im Duden (Redewendungen) findet sich ein Eintrag „Schwatzen wie ein Zilpzalp“ für Menschen die eintönig pausenlos reden. Der Vogelname ist also auch ein Symbol für Monotonie.

Auch in der Kultur ist der Zilpzalp vielfältig anzutreffen:

Der französische Komponist Olivier Messiaen (1908 – 1992) ließ sich im „Catalogue d‘oiseaux“ von 1958 vom Pouillot vèloce, dem Zilpzalp, inspirieren. Er war auch Ornithologe und notierte Vogelstimmen exakt. So kreierte Messiaen aus dem Gesang des Tieres eine Klavieretüde.

Von Eugen Roth (1895 – 1976) heißt es humoristisch in „Ein Mensch“:

„Der Zilpzalp singt so, wie er heißt / das ist bequem, man weiß Bescheid.“

Das Gedicht „Der Zilpzalp“ von Wilhelm Busch (1832 – 1908) endet:

Und immer zilpzalp, zilpzalp tönt!s

Aus Hecken und Gebüschen,

Als ob‘s der liebe Himmel wär`,

Der auf die Erde tät zischen.

Ein besonders schönes Gedicht über den Zilpzalp hat uns 1901 der Heidedichter Hermann Löns (1866 – 1914) in dem Kapitel „Märzlied“ aus „Mein grünes Buch“ hinterlassen:

Noch liegt der Reif auf Busch und Strauch,

Noch schweigt die Welt in weißem Hauch,

da ruft es hell vom kahlen Baum:

Zilpzalp! Zilpzalp! Wie süßer Traum!

Der kleine Sänger, braun und schlicht,

Er fürchtet Frost und Kälte nicht.

Er schmettert sein Zilpzalp, Zilpzalp,

Das erste Lied vom neuen Jahr.

Und hört man`s erst im Wald erklingen,

Dann weiß man: Bald wird alles singen.

Die Drossel, Fink und Amselschlag,

Sie folgen nach dem Zilpzalpschlag.

Er ist der Herold, der uns kündet:

Der Lenz, er kommt! Der Winter schwindet!

Drum lausche, wer`s vernehmen mag,

Dem Zilpzalp am ersten Frühlingstag.

Text und Fotos: Michael Rudolph