copyright: konsalt GmbH

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Großer Auflauf im Högersaal. Otto Wulff hatte am Mittwoch, den 23.9. eingeladen. Zur „Auftaktveranstaltung Tarpenbeker Ufer“. Der angemietete Saal war zu klein: Geschätzt 120 Groß Borsteler hatten sich eingefunden. Denn es sollten Pläne und das Beteiligungsverfahren vorgestellt werden.

Pünktlich 18.00 Uhr begrüßte Kristian Dahlgaard von der Beratungsfirma konsalt im Namen der Otto Wulff Projekt Groß Borstel GmbH die Versammlung. Bezirksamtsleiter Rösler ergriff als nächster das Wort und erläuterte, wie wichtig ihm die Integration der neuen Bewohner in den Stadtteil sei, wie angenehm die Zusammenarbeit mit Otto Wulff. Und überhaupt: wie wichtig ihm die Bürgerbeteiligung sei.

Dann kam der geschäftsführende Gesellschafter der Wulff-Gruppe, Stefan Wulff, dran. Er hatte Ende letzten Jahres das Projekt von der McGarrel Reilly Group gekauft, zu einem Zeitpunkt, als der in Groß Borstel heftig umstrittene Bebauungsplan Rechtskraft erlangt hatte – sprich: Kommunal-Verein und Anwohnerinitiative waren mit ihrem Widerstand gegen das Projekt gescheitert und sie hatten nun auch rechtlich keine Möglichkeit mehr, die Bebauung in der von der Politik und Verwaltung durchgesetzten Form zu verhindern.

Wulff meinte, das neue Wohngebiet sei eine Bereicherung für Groß Borstel, für Schulen, Geschäftsleben und so weiter. Immerhin sprach er kurz – war’s ein Versehen? – die gute Verkehrsanbindung für Fußgänger, Radfahrer und Auto (!) an.

Auto? Leichtes Raunen unter den Zuhörern. Denn es gibt wohl kaum eine Stelle in Groß Borstel, von der die Borsteler Chaussee mit ihren Geschäften schlechter zu erreichen ist, als von diesen ersten Wohnblocks. Wenn man zum Einkaufen denn unbedingt mit dem Auto fahren will. Und der ÖPNV, der öffentliche Nahverkehr? Ebenfalls Fehlanzeige. Nun ja, vielleicht ein Versprecher.

Benjamin Hinsch, der Projektleiter, stellte die Details der Planung dar. Was als Erstes, Zweites, Drittes fertig gestellt werden wird. Nämlich die drei letzten Baufelder und der Park: Es wird vom Osten nach Westen gebaut. Wer Bauherr sein wird, ist noch unklar. Hinsch sprach mehrfach von Genossenschaften, aber die haben offenbar noch nicht angebissen. Nur der Park, der soll vom Bezirk geplant und fertiggestellt werden. Das ist klar. Nur bis wann, das ist wiederum unklar. Und ob auch hier Bürgerbeteiligung gewünscht wird, das ist ebenfalls unklar. Wünsche können geäußert werden. Natürlich, aber Wünsche äußern kann man ja immer.

Mit Glück wird die Fußgängerbrücke rechtzeitig fertig werden: Die ersten Bewohner der neuen Häuser sollen ja nach Groß Borstel kommen können. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Neu war: Die Sozialwohnungen finden wir jetzt in dem Block, der ganz im Osten gebaut wird, sozusagen im Ostblock. Dieser Block wird einen schönen freien Blick auf die Güterbahn genießen können. Ohne Gabionen, ohne Lärmschutzwand, ohne Lärmschutzwall. Ursprünglich sollten die Sozialwohnungen auf die verschiedenen Bauabschnitte verteilt werden, nicht auf die ungünstigen Wohnlagen konzentriert. Aber: Was den Bürgern im Beteiligungsverfahren erzählt wird, ist wohl in entscheidenden Stellen „nachgebessert“ worden.

Alles wird schön, alles wird grün. Viele Durchgänge durch die Blocks für die Öffentlichkeit. Jederzeit und immer. Nicht nur durch den Park, auch an der Tarpenbek wird es einen neuen Weg geben. In dem Zusammenhang wird die Böschung am Ufer der Tarpenbek hergerichtet. Besorgte Frage: Werden auch große Bäume gefällt? Klare Antwort: Ja, es werden Bäume gefällt. Welche genau es sein werden, steht jetzt noch nicht fest.

Tiefgaragen werden gebaut, achtzig Stellplätze für 100 Wohnungen. Das soll reichen. Vor den Häusern gibt es zudem Parkplätze für Besucher.

Der Abend steuerte langsam aber sicher auf die entscheidende Frage zu: Die Bürgerbeteiligung. Wie soll die aussehen?

Jana Braun, Stadtplanerin der konsalt GmbH erklärte, wie es laufen kann. Ein Gremium mit Akteuren aus dem Stadtteil trifft sich etwa alle viertel Jahr, bei Bedarf auch öfter. Alle halbe Jahr findet eine öffentliche Infoveranstaltung statt. Sinn der Sache: Austausch über die Bautätigkeit, eventuell Anregungen über Gestaltungsfragen im öffentlichen Grün. Integration der neuen Bewohner in den Stadtteil.

Teilnehmer am Begleitgremium neben (Otto Wulff und Behörde):

Barbara Nitruch und Matthias Raschdorf von der Stadtteilkonferenz, Heio Nölke und Uwe Schröder von Kommunal-Verein. Die Parteien sind ebenfalls dabei: SPD, Grüne, CDU und Linke. Moderiert wird das Ganze wie gehabt von konsalt.

Unmut in der Veranstaltung macht sich breit. „Was sollen denn die Parteienvertreter in der Veranstaltung? Die haben doch alle gegen die Mehrheit in Groß Borstel gestimmt!“, kritisierte ein Teilnehmer.

Heio Nölke erinnerte daran, dass die Parteien  – bis auf die Linke – geschlossen für den Bebauungsplan gestimmt hatten, gegen den die Anwohner erstaunliche 626 Einwendungen hervorgebracht hatten. Der B-Plan sei aber nun beschlossen. Rechtlich könne man daran nichts ändern, genauso wenig wie  mit einer kompromisslosen Ablehnung des Vorhabens. Und deshalb sei das Begleitgremium sinnvoll, um darauf achten zu können, dass beim Bau und bei der Integration der Bewohner in den Stadtteil die Interessen von Groß Borstel vertreten werden. Und zwar mit den Parteien, die gut vernetzt seien und auf deren Unterstützung man angewiesen sei, wenn man etwas gegen die Verwaltung durchsetzen möchte.

Dana Braun, stellte noch die Webseite www.grossborstel-tarpenbek.de vor. Eine Informationsseite mit Vorschlagsrecht. Anwohner können dort Anregungen geben und diskutieren. Die Beiträge werden von der Moderationsfirma konsalt gecheckt und freigegeben. Angeblich auch die kritischen Beiträge, man wird sehen.

Schließlich sollte auch noch abgestimmt werden, ob das vorgestellte Beteiligungsverfahren eine Zustimmung erhält. Zaghaft erhoben sich einzelne Hände. Die Mehrheit enthielt sich. Ob es Gegenstimmen gegeben haben könnte, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Es wurde nicht danach gefragt. Insofern ging die Veranstaltung aus wie das Hornberger Schießen. (Wiki-Definition siehe unten.) Viel Rauch um Nichts. Oder mit anderen Worten: Das ist das, was sich die Verwaltung unter Bürgerbeteiligung vorstellt.

Auf Facebook nennt man es Beschwichtigungsveranstaltung. Dort wurde auch die Frage gepostet: „Was habt ihr geraucht, dass Ihr daran teilnehmt?“

Uwe Schröder

Anmerkung: In Hornberg hatte sich anno 1564 der Herzog Christoph von Württemberg angesagt. Dieser sollte mit Salutschüssen und allen Ehren empfangen werden. Als alles bereit war, näherte sich aus der Ferne eine große Staubwolke. Alle jubelten und die Kanonen donnerten, was das Zeug hielt. Doch die Staubwolke entpuppte sich nur als eine Postkutsche. Selbiges geschah dann, als ein Krämerkarren und noch einiges später eine Rinderherde auf die Stadt zukam. Der Ausguck hatte jedes Mal falschen Alarm gegeben, und alles Pulver war verschossen, als der Herzog endlich kam. Einige Hornberger versuchten, durch Brüllen den Kanonendonner nachzuahmen. (Wikipedia)