Vögel in und um Groß Borstel

Der Kuckuck

Bachsteazlze füttert jungen Kuckuck

Schon jedes Kind kennt diesen Vogel, dem sein eingängiger Ruf den Namen gab und der eine

sehr ungewöhnliche Art der Jungenaufzucht betreibt, indem er Eier in fremde Nester legt:

Der Kuckuck (Cuculus canorus).

Das Verbreitungsgebiet des zur Familie der Kuckucke (Cuculidae) gehörenden Federtiers erstreckt sich in Eurasien von Irland und Portugal nach Osten bis Japan und Kamtschatka. Der Bestand in Europa beträgt geschätzte 4 bis 8 Millionen, in Deutschland 40.000 bis 65.000 und in Hamburg

320 Reviere. In unserer Stadt konzentriert sich die Verbreitung vor allem auf das Elbtal, die Vier- und Marschlande und die nördlichen Stadtrandbereiche. Dagegen werden die City, die Wohnblockzonen und die meisten großen Wälder vom Kuckuck gemieden. In der Umgebung von Groß Borstel bestehen am Flughafenrand sowie in der Schnelsener und Eidelstedter Feldmark die größten Chancen den Vogel zu sehen bzw. zu hören.

Die Rote Liste der Brutvögel Deutschlands stuft die Art als „gefährdet“ (Stufe 3) ein.

Als Langstreckenzieher verbringt der Kukuck den Winter in Afrika südlich des Äquators  Die Vögel sind bis zu 36 Zentimeter lang und von schlanker Gestalt. Die Körperoberseite ausgewachsener Männchen zeigt sich  einfarbig schiefergrau. Ausgewachsene Weibchen treten in zwei Farbvarianten auf, grau oder seltener braun, beides mit schwarzer Bänderung. Die Unterseite der Vögel ist schwarz-weiß gestreift, der kurze Schnabel nach unten gebogen. Die Schnabelbasis zeigt sich ebenso wie die Iris und der Lidring hellgelb. Die Jungvögel sind schiefergrau, teilweise mit rostbrauner Einfärbung und sind gut an einem kleinen weißen Nackenfleck zu erkennen. Das Gefieder weist eine dunkle dünne Querbänderung auf. Die Iris ist dunkelbraun, der Lidring blassgelb. 

Durch die Bänderung ähnelt das Aussehen der Kuckucke dem des Sperbers (Groß Borsteler Bote  10/2022) sowie des Turmfalken  (Groß Borsteler Bote 12/2022). Dies soll als Mimikry die Anwesenheit eines Greifvogels vortäuschen und so die Wirtsvögel veranlassen, ihre Nester zu verlassen, in die die Kuckucksdame dann blitzschnell ein Ei legen kann.

Kuckuck weiblich im Gras

Kuckucke bevorzugen als Reviere kleinere Wälder, halboffene Landschaften mit Baum- und Strauchgruppen sowie offene Flächen, sofern erhöhte Sitzwarten vorhanden sind. Der Lebensraum der Tiere ist jedoch abhängig von der Anwesenheit ihrer Wirtsvögel, in deren Nester sie ihre Eier legen. Dabei handelt es sich bevorzugt um Rohrsänger, Grasmücken, Pieper, Bachstelzen, Braunellen, Rotschwänze und sogar die kleinen Zaunkönige. In Hamburg wurden als wichtigste Wirtsvogelarten Teich- und Sumpfrohrsänger festgestellt (Garthe 1996). Diese brüten vor allem in mit Röhricht durchsetzten Verlandungsgebieten der Gewässer und an schilfbestandenen Gräben.

Aus weiten Bereichen der Gartenstadtzone Hamburgs hat sich der Kuckuck in den 1970er und 1980er Jahren zurückgezogen (Garthe 1996). Dieser Rückgang deckt sich mit dem Rückzug der Teich- und Sumpfrohrsänger aus diesen Gebieten aufgrund von Lebensraumverschlechterungen. Extensivierungsförderungen der Umweltbehörde in den letzten dreißig Jahren haben eine Zunahme des Bestandes an Sumpfrohrsängern im Süderelberaum bewirkt, wovon indirekt auch die Kuckucke profitierten. 

Der Reviergesang des Männchens ist der namensgebende Ruf „gu-kuh“, bei dem die erste Silbe betont wird. Je nach dem Grad seiner Erregung werden die Rufe mit längeren oder kurzen Pausen wiederholt. Das Weibchen gibt zur Brtutzeit bei Erregung einen Ruf wie einen Triller von sich, der aus einer schnellen Folge harter Töne besteht. Jungvögel betteln mit „zisisis“ und „srisrisri“.

Kukucke sind territoriale Vögel. Nach ihrer Rückkehr aus dem südlichen Afrika zwischen Mitte April und Anfang Mai besetzen die Männchen rund 30 Hektar große Reviere, die sich durchaus mit denen anderer Männchen überlappen können.

Hat sich ein Paar gefunden, sucht das Weibchen durch Beobachtung Nester der bevorzugten Wirtsvogelart aus. Etwa jeden zweiten Tag wird ein Ei in ein anderes Wirtsnest gelegt. Vor der Eiablage beobachtet das Weibchen aus bis zu 100 Meter Entfernung bis zu zweieinhalb Stunden lang das Nest des Wirtsvogels, um den geeigneten Moment für die Eiablage zu nutzen, die selbst nur etwa

10 Sekunden dauert. Dabei entnimmt das Kuckucksweibchen mit dem Schnabel ein Ei des Wirtsvogels, sodass die Anzahl der Eier unverändert ist und die Wirtsvögel keinen Verdacht schöpfen. Dabei gleichen die Kuckuckseier denen der bevorzugten Wirtsvögel in Färbung und Musterung sehr. In der Regel schlüpft der junge Kuckuck vor den Jungen der Wirtsvögel. Acht bis zehn Stunden nach dem Schlüpfen beginnt der junge Kuckuck Eier und gegebenenfalls Jungvögel des Wirtes an den Rand des Nestes zu schieben und dort aus dem Nest zu stoßen. Diesen etwa dreieinhalb Minuten dauernden Vorgang wiederholt er so lange, bis er schließlich alleiniges Küken im Nest ist. Der sehr große orangerote Rachen des Kuckucksjungen übt auf die Wirtsvögel einen sehr starken Fütterungsreiz aus und lässt sie offensichtlich übersehen, dass die Anzahl der Eier bzw. Küken sich verringert hat. Nach etwa 20 Tagen wird der junge Kuckuck flügge, lässt sich aber noch mehrere Wochen von den Wirtseltern außerhalb des Nestes mit Nahrung versorgen. Seine Geschlechtsreife erlangt er nach zwei Jahren.

Der Klimawandel wirkt sich ungünstig auf den Bestand an Kuckucken aus, denn durch den früheren Beginn des Frühlings brüten die Wirtsvögel zeitlich dementsprechend, sodass die aus den afrikanischen Überwinterungsgebieten zurückkehrenden Kuckucke zu spät kommen, um noch unbemerkt Eier in die Nester der Wirtsvögel legen zu können.

Kuckucke fressen fast ausschließlich Insekten, insbesondere Schmetterlingsraupen, Käfer und Spinnen – aber auch Regenwürmer, Schnecken, Libellen , Heuchrecken und sogar kleine Frösche und Kröten. Die Kuckucks-Nestlinge werden von den Wirtsvögeln mit der Nahrung gefüttert, die sie auch ihren eigenen Jungen bringen würden. Kuckuckseltern müssen also gezielt Insektenfresser –und keine Körnerfresser – als Wirtseltern wählen.  

Wie bereits erwähnt, verdankt der Kuckuck seinen Namen seinem unverwechselbaren Ruf. Auch andere Länder haben auf diese Weise den Vogel benannt, so heißt er in Frankreich „Coucou“, in Italien „cucù“, in England „Cuckoo“, in Spanien „cuco“ oder auch „cuclillo“, in Russland „Kukuschka“, in Griechenland „koukoula“ und in Polen „Kukulka“.

Griechische Naturphilosophen beschäftigten sich bereits 400 v. Chr. mit dem Brutparasitismus des Kuckucks. Der Komödienschreiber Aristophanes nannte in seinem Werk „Die Wolken“ (Nephelai) seine fiktive Stadt, in der alle ohne Pflichten und Sorgen leben, Wolkenkuckucksland (Nephelococcygia).

Kuckuck männlich Flug

John Clanvowe, ein englischer Dichter des 14. Jahrhunderts, sieht den jungen Kuckuck, der ohne elterliche Fürsorge heranwächst, als Symbol für ein Leben ohne Liebe.

Überhaupt ist der Kuckuck sowohl aufgrund seines charakteristischen Balzrufs als auch seines Brutparasitismus sprichwörtlich geworden:

Das Kind, das eine Mutter einem Mann als leibliches Kind unterschiebt, wird als „Kuckuckskind“ bezeichnet.

„Jemandem ein Kuckucksei legen“ (Jemandem etwas unterschieben)

„Scher dich zum Kuckuck!“ („Scher dich zum Teufel!“)

„Weiß der Kuckuck…“ („Das weiß allenfalls der Teufel“ oder „Das weiß niemand“)

„Der Kuckuck ist los!“ („Der Teufel ist los!“ oder „Es ist reichlich Betrieb“)

„Zum Kuckuck nochmal!“ („Zum Teufel!“)  

„Hol´s der Kuckuck!“ („Hol´s der Teufel!“ oder „Mir doch egal!“)

Bekannt sind die Lieder „Kuckuck, Kuckuck, ruft´s aus dem Wald“ und „Auf einem Baum ein Kuckuck“ sowie das von Ernst Anschütz 1930 zunächst als Gedicht geschriebene Kinderlied „Der Kuckuck und der Esel“. Auch in der klassischen Musik findet sich die kleine Terz des Kuckucksrufs unter anderem  in Beethovens 6. Symphonie F-Dur „Pastorale“ (Szene am Bach), in Leopold Mozarts „Kindersymphonie“ und Vivaldis „Sommer“. 

Obwohl in Deutschland auf Pfändungsmarken nicht mehr der Bundesadler abgebildet ist, wird immer noch davon gesprochen, dass vom Gerichtsvollzieher jemandem „ein Kuckuck geklebt worden ist“.

Berühmt ist natürlich auch die Kuckucksuhr, deren Ursprung in Sachsen liegt. Aus dem frühen 17. Jahrhundert stammt die Beschreibung eines solchen klangstarken Chronometers, der sich in Dresden im Besitz des Kurfürsten von Sachsen befand.

1850 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, um dem schlichten Handwerksprodukt ein professionelleres Aussehen zu verleihen. Den Wettbewerb gewann der Architekt Friedrich Eisenlohr. Er war für die Bauten an der Schwarzwaldbahn verantwortlich und hatte die dortigen „Bahnwärterhäusle“ als Vorbild für die Front der Uhr gewählt. Damit traf Eisenlohr exakt den damaligen Zeitgeist. Durch den später einsetzenden Tourismus wurde die Kuckucksuhr zum Verkaufs- sowie Export-schlager – und sieht heute noch fast genauso aus wie damals.

Text und Fotos: Michael Rudolph