Der Warnckesweg.
Teil 1: Geschichte der Dorfstruktur von Groß Borstel

Der Warnckesweg weist eine besonders schöne Gestaltung auf, die auch wesentliche Aspekte der Geschichte Groß Borstels erklärt. An der Einmündung zur Borsteler Chaussee ist er aufgeweitet und an der Eisdiele entsteht eine Art Platz zum Verweilen. Dann gibt es eine kleine Einziehung, nach der sich der Raum im Umfeld des Stavenhagenhauses und des Borsteler Bogens groß aufweitet, wie ein Dorfanger, an dem Geschäfte stehen. Weiterlaufend verjüngt sich der Warnckesweg vollkommen regelmäßig, findet bei der Abzweigung des Lokstedter Damms seine endgültige Breite mit der er sodann eine malerische, lang gezogene S-Kurve vollzieht. Wie entstand diese S-Kurve? Im letzten Abschnitt geht die Stavenhagenstraße mit seltsam spitzen Winkeln von der Straße ab, die endlich auf eines der Häuser der Brückwiesenstraße fluchtet. Wie kam es zu diesem spitzen Winkel? Die malerische Wirkung des Warnckesweg unter die Lupe zu nehmen, führt auch in die Entstehung des bemerkenswerten Hamburger Stadtteils Groß Borstel ein: Wie entwickelte er sich? Die Geschichte erstreckt sich über drei Teile im Boten, wobei dieser erste vorwiegend auf dem Studium historischer Karten beruht.
Eine Karte von 1701, deren farbiges Original sich in der Hamburger Commerzbibliothek erhalten hat, zeigt, wie sich aus einem feuchten, moorigen Gelände nach und nach die Straßenstruktur herausschälte. Daher ist die heutige Wegeführung vom damaligen Moor beeinflusst und so erklären sich viele Verläufe und Formen der Straßen:

Die Kartendarstellung endet an der links verlaufenden Tarpenbek und zeigt daher Groß Borstel als eine Art Landspitze nach Osten hin. Rechts liegen viele Felder, dargestellt mit langen parallelen Strichen. Im Mittelbereich erkennt man Sumpf, charakterisiert durch rohe, blaue Bundstiftstriche. Mitten auf einer solchen Moorfläche steht das Wort „Borstel“. In der Moorfläche sind insgesamt vier Geest- oder Moorinseln zu sehen: Etwas höher gelegene und daher weniger feuchte Bereich mit festeren Bodenverhältnissen, auf denen sich Bäume ansiedeln konnten. Dass Groß Borstel in seinem Nordteil ursprünglich von Mooren bestimmt war, konnte man bis Ende des 20. Jahrhunderts an Pumpen in den Kellern mancher Häuser erahnen. Verfolgt man nun die eingestrichelten Wege, so verlaufen sie gerade in den feuchten Moorbereichen. Die Moorinseln hingegen wiesen schon 1701 einen so festen Grund auf, dass hier Häuser standen – Die Straßen verlaufen also im Morast, die Moorinseln dienten als Bau- und Anbaufläche. Sie sind die frühesten Besiedlungsplätze von Groß Borstel. Um 1701 dachte aber noch niemand an die Borsteler Chaussee. Stattdessen links auf der Karte, von Lokstedt kommend, stand die Borsteler Brücke über die Tarpenbek. Überquerte man sie, kam man auf den Lokstedter Damm. Er windet sich durchs Moor, geht zwischen zwei Moorinseln hindurch und biegt dann rechts ab. Diese letzte Kurve entspricht der heutigen Kreuzung Lokstedter Damm und Warnckesweg! Man sieht, dass es noch nicht auch links weiter geht, wie heute, sondern nach rechts, dann links in einer Kurve in den heutigen Borsteler Bogen; endlich weiter nach Nordwesten, über das heutige Spreenende in den Weg beim Jäger. Diese organisch geführten Verläufe sind alt, vom Ende des 17. Jahrhunderts. Groß Borstel war Teil einer Wegeführung von Lokstedt nach Fuhlsbüttel.
Mir ist es als Jugendlicher, der ich hier aufwuchs, nie aufgefallen, doch man kann den fließenden Charakter der Wegeführung mit dem Fahrrad nachfahren: Vom Lokstedter Damm kommend in den Warnckesweg rechts einbiegen, und dann bald links in den Borsteler Bogen. Das ist eine historische „Kraftachse“ des Stadtteils.
Die mittlere der vier Moorinseln möchte ich „Borsteler Insel“ taufen, denn sie hat den Stadtteil in vielem geprägt. Heute steht dort die Lehrersiedlung. Auf der Karte von 1701 hat die Borsteler Insel an ihrer Südkante einen regelmäßigen Bauch, eine Konvexe, die heute der Einzäunung des Parks an der Lehrersiedlung entspricht. Daher also entstand später die „S-Kurve“ des Warnckesweg im Bereich zwischen dem Lokstedter Damm und der Stavenhagenstraße!
An ihrer Westseite hat die Borsteler Insel eine knickförmige Einbuchtung. Mir scheint, das ist der Grund, weshalb die Stavenhagenstraße später so spitz abzweigte: Der heutige Weg nach Niendorf vollführt einen Z-Förmigen Verlauf – aus dem Warnckesweg in die Stavenhagenstraße dann in den Niendorfer Weg – wo entlang sich manche Autos bis heute quälen. Die recht große Borsteler Insel wurde zu einem großer Baublock, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Ortleppweg als zusätzlicher Erschließung der Lehrersiedlung ergänzt wurde, sowie durch den Plogstieg.

Auf einer 90 Jahre später, 1791, entstandenen Karte sieht man die aus der Geologie, nämlich der Lage von Mooren und Moorinseln bestimmte Struktur, wie sie sich schrittweise baulich ausgeprägte. Eine der wichtigsten Aspekte ist, dass das 1703 gebaute Stavenhagenhaus mit dem Frustberpark dargestellt ist. Am rechten Rand des Frustbergparks zeichnet sich bereits der Verlauf der späteren Borsteler Chaussee ab. Sie endete bis 1970 noch vor der heutigen Busschleife, bog links in den heutigen Warnckesweg und dann weiter in den Borsteler Bogen ein. Um 1800 und bis in die 1960er Jahre hinein bestanden als Erschließung vier Möglichkeiten: Von Lokstedt über den Lokstedter Damm oder von Eppendorf über die Borsteler Chaussee in den Warnckesweg, und von diesem dann entweder über den Borsteler Bogen nach Fuhlsbüttel, oder über die Stavenhagenstraße und Niendorfer Weg nach Niendorf. Der Warnckesweg war bereits die zentrale Achse des damaligen Dorfes, da alle die Stadtteile verbindende Wege über ihn laufen mussten.
Der Warnckesweg hat an seinem Westende zu dieser Zeit schon sein namensgebendes Bauernhaus, das in der Karte eingetragen sind: Es ist ein Haus am Ort der heutigen Brückwiesenstraße 33. Hier stand bis um 1900 der Bauernhof der Familie Warncke, 1768 gebaut. Der Warnckesweg erhielt seinen Namen 1864 nach dieser Familie. Immerhin gibt es den Namen „Warnckesweg“ weltweit nur einmal, was seine ortsgeschichtlich motivierte Entstehung unterstützt.
Die romantische Führung des Warnckesweg hat mir schon als Kind, in den 1980er Jahren, Spaß gemacht, etwa, wenn ich vom am Borsteler Bogen befindlichen Supermarkt „Spar“ aus die Straße entlang ging. Dass die Herleitung aller Formen aus der Geschichte möglich ist, hat auch mich beim Studium der topographischen Karten überrascht. Das Umfeld der Borsteler Moorinsel ist die gewachsene Struktur einer alten, historisch bedeutsamen, zunächst dörflichen und dann vorstädtischen Siedlung mit imposanten Häusern. Von ihnen wird der zweite Teil handeln.
Text : PD Dr. phil. Roman Hillmann

