Konrad Adenauers Flug nach Moskau (I): Die Super Constellation und Ernest Pretsch

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Super Constallation © B. Huber

In Groß Borstel, etwas am Rand des Stadtteils, findet man mit einem Straßennamen einen Hinweis auf den letzten großen Krieg. Es ist die kleine Straße namens „Heimkehr“, die kurz vor dem Alsterkrug Hotel in nördlicher Richtung von der Sportallee abzweigt. An den Häusern dieser Straße, die zuvor schlicht „Weg Nr. 249“ hieß, wurden nach dem II. Weltkrieg Heimkehrer untergebracht, und so erhielt die Straße im Dezember 1953 ihren Namen.

Im April 1947 hatten die Siegermächte des II. Weltkriegs bei einem Treffen ihrer Außenminister in Moskau die Freilassung aller deutschen Kriegsgefangenen beschlossen, doch die Umsetzung dieses Beschlusses nahm noch einige Zeit in Anspruch oder wurde gar unterlaufen. In England, besonders aber in Russland herrschte nach dem Krieg mit seinen vielen Toten ein großer Arbeitskräftemangel, und die deutschen Kriegsgefangenen wurden ersatzweise für wichtige Arbeiten, zum Beispiel in der Landwirtschaft herangezogen. In Russland wurde der Beschluss der Außenminister unterlaufen, indem man noch in den Jahren 1949 und 1950 deutsche Kriegsgefangene wegen Kriegsverbrechen zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilte.

So waren auch 1953, sieben Jahre nach dem Ende des Kriegs, immer noch nicht alle deutschen Kriegsgefangenen heimgekehrt. Besonders das Deutsche Rote Kreuz bemühte sich intensiv, das Schicksal der vermissten Männer zu klären. Von den 3,5 Mio. Wehrmachtssoldaten, die im Verlauf des Zweiten Weltkrieges in russische Kriegsgefangenschaft geraten waren, kamen etwa 1,1 Mio. noch während des Krieges in den russischen Lagern um. Von den Überlebenden wurden die meisten freigelassen, doch auch Anfang der 1950er-Jahre befanden sich noch immer über 10.000 deutsche Kriegsgefangene in Russland. Hinzu kamen Hunderttausende von verschleppten Zivilisten, die wie die deutschen Kriegsgefangenen Zwangsarbeit leisten mussten.

Im Juni 1955 erhielt nun Bundeskanzler Konrad Adenauer von der sowjetischen Regierung eine Einladung nach Moskau. Zwei Jahre nach dem Tod von Stalin war die neue Regierung unter Nikita Chruschtschow an einer Normalisierung der Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland interessiert. Die sowjetische Führung brachte dabei erneut auch die Regelung der gesamtdeutschen Frage ins Spiel. Auf dem Gebiet der drei West-Besatzungszonen war 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet worden, auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik. Deutschland war geteilt. Adenauer hatte die Bundesrepublik Deutschland politisch an die Westmächte angelehnt. Im Mai 1955 war die Bundesrepublik der neu gegründeten NATO beigetreten. Die Sowjetunion stellte nun eine mögliche Wiedervereinigung in Aussicht, unter bestimmten Bedingungen.

Nach Erhalt der sowjetischen Note informierte Adenauer die Regierungen der Westmächte, die USA, England und Frankreich über die Einladung und nahm sie am 30. Juni an.

Für die Verhandlungen mit den sowjetischen Regierungsvertretern, vor allem mit KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow, Ministerpräsident Nikolai Bulganin und Außenminister Wjatscheslaw Molotow, hatte man in Deutschland einen 300 Meter langen abhörsicheren Sonderzug mit 14 Wagen zusammengestellt und vorausgeschickt. Er transportierte u. a. auch die beiden Dienstfahrzeuge der deutschen Abordnung für die Fahrten in Moskau. Die Mitglieder der insgesamt 140 Personen umfassenden deutschen Delegation reisten am 8. September 1955 indes per Flugzeug an.

So einfach wie das heute vielleicht klingt, war ein Non-Stop-Flug von Deutschland nach Moskau im Jahr 1955 allerdings nicht. Die ersten Passagier-Düsenflugzeuge waren zu dieser Zeit eher noch in der Erprobungsphase. So wurden Langstreckenflüge noch mit Propeller-getriebenen Passagierflugzeugen betrieben, von denen es aber auch noch nicht viele gab. Einer der Flugzeugtypen, die für solche langen Flüge ausgelegt waren, war die 1950 in den USA erstmals in Dienst gestellte Lockheed Super Constellation. Mit Zusatztanks am Ende ihrer Flügel konnte die viermotorige Super Constellation die Entfernung von Deutschland nach Moskau (2000 km) problemlos ohne Zwischenstopp bewältigen. Die maximale Reichweite der Lockheed Super Constellation betrug sogar 6400 km. Solche Flugzeuge besaß die Regierung der Bundesrepublik Deutschland selbst nicht, sondern musste sie von der Lufthansa mieten. Der Mietpreis betrug damals 81.770 DM – pro Maschine, denn die Lufthansa musste für die Zeit der Vermietung mehrere Flüge in die USA ausfallen lassen. Und Interkontinentalflüge waren damals absoluter Luxus und sehr teuer.

Die nach dem Krieg wiedergegründete Deutsche Lufthansa hatte insgesamt vier Super Constellations bestellt und die erste Maschine am 19. April 1955 erhalten. Am 8. Juni startete von Hamburg-Fuhlsbüttel aus der erste Lufthansa-Nachkriegs-Interkontinentalflug nach New York mit einer dieser Maschinen. Der Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel war nach dem Zweiten Weltkrieg der Heimat-Flughafen der Lufthansa, wofür Helmut Schmidt gesorgt hatte, damals noch der Leiter des Amts für Verkehr in Hamburg.

Tatsächlich hatte die Lufthansa 1955 aber noch gar keine Piloten, die am neuen Lufthansa-Flugzeug ausgebildet waren und es fliegen durften. Dies musste erst noch geschehen, und so wurden die ersten Maschinen noch von Piloten aus den USA geflogen, mit deutschen Co-Piloten an ihrer Seite. Und nun kehrt die Geschichte nach Groß Borstel zurück.

Einer dieser US-amerikanischen Piloten, die anfangs für die Deutsche Lufthansa die Super Constellation flogen, war Ernest „Ernie“ Pretsch. Für seine Zeit in Deutschland hatte er eine Unterkunft nicht weit vom Flughafen gefunden – in Groß Borstel. Er wohnte in einem Bungalow im Brödermannsweg, gleich gegenüber von der Carl-Götze-Schule. Und Ernest Pretsch war es, der die Maschine nach Moskau flog, in der auch Bundeskanzler Konrad Adenauer saß.

André Schulz

Foto, Titel: Ankunft von Konrad Adenauer am Flughafen in Moskau © Lufthansa

Lesen Sie im zweiten Teil, welches Ergebnis die Verhandlungen hatten und wie der Besuch in Deutschland und auch in Groß Borstel aufgenommen wurde.