Uwe Schröder: Ordnungsamt, bitte übernehmen Sie!
Anruf in der Redaktion: „Wir haben uns schon mehrfach an die Verwaltung gewendet, aber es wird absolut nichts unternommen, den Schutthaufen auf dem brachliegenden Grundstück der ehemaligen Gaststätte ‚Lust auf Griechenland‘ zu beseitigen. Kann man darüber nicht einmal berichten?“ Aber klar. Mache ich. Kommt in die nächste Ausgabe.
Tatsächlich ärgert mich der Schutthaufen ebenfalls. Jedes Mal, wenn ich zurück nach Groß Borstel komme, begrüßt mich ein riesiger Dreckhaufen auf einem verlassenen Brachgrundstück. Keine Absperrung, ein heruntergekommenes Gebäude mit zerbrochenen Scheiben. Ein Paradies für Ungeziefer und Ratten. Das ist der Eingang zu Groß Borstel! Hässlichere Stadtteileingänge kenne ich nicht. Es reicht offenbar nicht, dass das monströse Bauhaus als ästhetische Vollkatastrophe mein Auge beleidigt und die Fußgänger beim Bahnübergang seit Jahrzehnten an einer engen, verdreckten Gasse mit Dornenhecke vorbei müssen. Nun kommt auch noch eine illegale Müllhalde namens „Lust auf Griechenland“ dazu.
Ich schnappe die Kamera und mache mich auf dem Weg durch die Brückwiesenstraße. Ich möchte mir das mal alles aus ordnungsrechtlicher Sicht genau angucken. Und ich sehe überall Ordnungswidrigkeiten. Gegenüber meiner Einfahrt parkt ein Auto. Verboten nach § 12 Straßenverkehrsordnung. Auf der anderen Straßenseite wird ein Haus renoviert. In direkter Nähe des Hauses stehen die Kleinlaster von Handwerkern in dem Jahrhunderte alten Eichenwäldchen der Brückwiesenstraße. Sie parken auf einer Überfahrt zu den Grundstücken. Das ist dort eigentlich verboten; der Weg dient nur als Überfahrt zum Grundstück. Eigentlich. Der Bauherr hat für die Handwerker eine Halteverbotszone auf der Straße einrichten lassen. Dort ist auch alles frei. Aber eben 20 Meter zu weit. Nicht so bequem für die Handwerker zu erreichen. Parken im Park. Es wird wohl darüber hinweg gesehen vom Ordnungsamt.
Der Seitenstreifen am Fußweg ist nicht gereinigt. Dicke Grassoden haben sich am Gehwegrand auf dem Dreck gebildet. Seit Jahren! Ein kleines Bäumchen schmiegt sich an einem Laternenpfahl. Schon über drei Meter hoch gewachsen. Bald braucht man eine Fällgenehmigung dafür. Für die Reinigung der Parkplätze am Fußweg in der Brückwiesenstraße sind die Grundeigentümer verantwortlich, meint die Stadtreinigung. Wissen nicht alle.
Gegenüber: Parken auf dem Fußweg, auf der Fahrbahn wäre ausreichend Platz gewesen. Das kleine blaue Verkehrsschild 315 („Parken auf Gehwegen“) wird konsequent missachtet. Nur wo das Schild ist, darf geparkt werden. Wenn kein Schild es erlaubt, ist das Parken verboten.
Langsam nähere ich mich der Kreuzung Kellerbleek. Auf den ersten 100 Metern sieben Chancen für das Ordnungsamt, tätig zu werden und Geld zu kassieren. Weitere 100 Meter entfernt die Bauruine von „Keine Lust mehr auf Griechenland“. Dazwischen zehn weitere Falschparker. Die Hälfte parkt fett auf dem Gehweg.
Liebe Gehwegparker, ein einfacher Blick in den Bußgeldkatalog ist Erkenntnis-erhellend. Parken auf dem Gehweg bringt mindestens 55 Euro in die Staatskasse. Damit könnten die schiefgefahrenen Gehwegplatten beim Restaurant Pulvermühle lässig repariert oder besser gleich der ganze Gehweg fachgerecht entpflastert und mit Pollern oder Blumenkübeln gegen Falschparker versehen werden. Aber warum die Staatskasse bemühen? Eigentlich reicht auch die Haftpflichtversicherung der Falschparker. Wenn der Gehweg kaputt gefahren wird, ist der Autofahrer verantwortlich. Also 55 Euro plus Heraufstufung des Schadenfreiheitsrabatts.
Lust auf Griechenland ist die ehemalige Gaststätte eines griechischen Einwanderers namens Christos Karamanides. Er hatte seine Karriere in Deutschland als Schlachthofarbeiter begonnen, mietete sich bald einen Schrebergarten an der Ecke Kellerbleek/Güterbahnhof Lokstedt (heute Gert-Marcus-Straße). Dort setzte er sich nach der schweren Schlachthofarbeit auf einen Stapel Paletten, daneben eine Kiste Bier, wie er mir vor Jahren erzählte. Christos blieb nicht lange allein. Schnell gesellten sich Leute zu ihm. Christos Karamanides war ausgesprochen beliebt, hatte immer eine Geschichte zu erzählen, und er war von Natur aus mit einem erfreulichen Maß an Gastfreundschaft ausgestattet.
Aus den Paletten wurde eine Schrebergartenhütte, die sich auf wundersame Weise immer mehr vergrößerte, bis sie sich schließlich zu einer sehr beliebten Gaststätte – genannt „Die Kate“ – entwickelte. Christos begrüßte auf der großen Terrasse jeden Besucher herzlich, er fand für jeden und jede einen Platz in seiner oft gerammelt vollen Gaststätte, und er schenkte reichlich Ouzo ein. Abends gab es zum Abschied eine herzliche Umarmung. Den Damen schenkte er eine kleine Flasche Rotwein (0,375 Liter), und er gab ihnen oft noch ein Küsschen mit auf den Weg. Die Zeiten sind lange vorbei. Christos ist leider vor zwei Jahren verstorben.
Als das Tarpenbeker Ufer gebaut wurde, wollte Otto Wulff das prominent am Wohngebietseingang gelegene Grundstück kaufen. Christos Söhne hofften auf einen guten Deal, konnten sich mit Otto Wulff jedoch nicht einigen. Otto Wulff hatte vor, die Eingangssituation zu seinem bis dahin größten Wohnungsbauprojekt ansprechend zu gestalten. Letztlich gaben Christos Erben das Grundstück auf. Es verkam mehr und mehr, und man fragt sich, warum schreitet das Ordnungsamt eigentlich nicht ein gegen diese illegale Bauschuttdeponie?
Im benachbarten Schleswig-Holstein bekommt man schon nach 14 Tagen Post vom Ordnungsamt, wenn etwa Sperrmüll von Mietern auf dem Grundstück gelagert wird. Ein freundliches Schreiben weist den Grundeigentümer unmissverständlich auf § 26 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG) hin und fordert, die Müllablagerung innerhalb von 14 Tagen zu beseitigen. Andernfalls wird das Amt kostenpflichtig tätig. Ein Bußgeld für die Ordnungswidrigkeit würde zusätzlich fällig werden.
Wir wissen, dass in Hamburg die Mitarbeiter des Bezirksamtes sehr gut ausgelastet sind. Mit anderen Projekten. Auch der Stadtteilbeamte der Polizei scheint nicht alles zu schaffen. Oder er hat längst aufgegeben, wie Don Quichote gegen Windmühlen zu kämpfen. Man fragt sich zudem, was in den Köpfen unserer Mitbürger vorgeht, wenn sie einfach gegen die Gesetze verstoßen. Nach dem Motto: Ist mir doch egal.
Es scheint sich herumgesprochen zu haben: Das Ordnungsrecht wird hier übermäßig liberal gehandhabt. Mittlerweile reißt es ein, die Vorschriften aus Bequemlichkeit oder Rücksichtslosigkeit zu missachten. Es wird fast ein vermeintliches Gewohnheitsrecht, wie das Falschparken, „Wo soll ich denn sonst parken?“ Auch die Glascontainer Ecke Brückwiesenstraße/Lokstedter Damm werden regelmäßig mit Müll zugeschüttet. Die Stadtreinigung muss nahezu täglich vorbeikommen. Zwei Personen plus Kleinlaster. Da klingelt es in der Kasse bei der Hamburger Stadtreinigung. Das ist unser Geld, Leute. Habt ihr nicht alle Tassen im Schrank? Bezahlen müssen wir das alle über die Müllgebühren.
Zurück zu der Griechenland-Brache. Liebes Ordnungsamt, das ist kein Fall für Telly Savalas, der als Kojak in der 70er-Jahre-Serie „Einsatz in Manhattan“ für Ordnung sorgte. Das ist viel einfacher: Ein Schreiben an die Grundeigentümer reicht zunächst. Stufe 2: Bußgelder verhängen. Und wenn das nicht hilft: Bußgeld erhöhen. Notfalls ein Abbruchunternehmen beauftragen und die verauslagten Kosten mit einer Zwangshypothek auf das Grundeigentum ausgleichen. Für ein professionelles Entsorgungsunternehmen wäre die Sache innerhalb einer Woche erledigt. Groß Borstel und das Tarpenbeker Ufer bekämen einen verschönerten Eingangsbereich – und wir würden uns freuen, ein professionell agierendes Ordnungsamt an unserer Seite zu wissen.
Fotos: Uwe Schröder




