Di-Eder eingeweiht

Skulptur von Gert Marcus (2014 – 2008)

Di Eder Dr Bettina Schomburg enthüllt den Di Eder
Di Eder

Nun ist es geschehen. Der Weg war lang. Die Skulptur von Gert Marcus wurde am 28.08.26 eingeweiht. Gert Marcus wurde 1914 in Groß Borstel geborenen und immigrierte während der Nazi-Zeit Anfang der 1930er Jahre nach Schweden. 2015 meldete sich die Familie des 2008 verstorbenen Gert Marcus beim Kommunalverein und fragte, ob Interesse an seinen Kunstwerken besteht. Bis dahin war in Hamburg nicht bekannt, dass aus dem Anfang der 1930er Jahre immigrierten jungen Mann ein in Schweden berühmter Künstler geworden ist. Der Initiative Marcus und Dahl ist es zu verdanken, dass an den Künstler Gert Marcus und seinen Bruder Ingolf Dahl erinnert wird. Anlässlich der Einweihung drucken wir die Ansprache des Psychoanalytikers und Malers Matthias Oppermann

Ansprache zur Einweihung der Skulptur Di-Eder von Gert Marcus

Liebe Gäste,

ich freue mich sehr, heute zur Einweihung dieser Skulptur einige Gedanken beisteuern zu dürfen. Ich spreche zu Ihnen nicht als Kunsthistoriker, sondern als Psychoanalytiker und als Künstler aus Groß Borstel. Das gibt mir die Freiheit, weniger über kunstgeschichtliche Zusammenhänge zu sprechen als darüber, was diese Skulptur in mir auslöst.

Gert Marcus hat diese Arbeit Di-Eder genannt – übersetzt etwa „zwei Flächen“. Das hat mich zunächst überrascht. Denn wenn man genau hinsieht, scheint die Skulptur doch aus vier Flächen zu bestehen. Vielleicht stimmt der Titel nur, wenn wir die Skulptur zweidimensional betrachten. Im dreidimensionalen Raum begegnen uns plötzlich mehr Seiten, mehr Beziehungen, mehr Möglichkeiten des Sehens.

Noch merkwürdiger wurde es, als ich über die Skulptur nachdachte. In meiner Erinnerung bestand sie immer aus drei Elementen. Ich hatte sie unbewusst ergänzt. Erst später fiel mir auf, dass mich diese innere Ergänzung an die drei Grazien aus der Kunstgeschichte erinnerte – an Botticellis Primavera, an den Tanz, an den Frühling.

Das hat mich als Psychoanalytiker interessiert. Denn Wahrnehmen bedeutet offenbar nicht nur, das zu sehen, was vor uns steht. Wahrnehmen heißt immer auch: ergänzen, weglassen, erinnern, imaginieren. Wir sehen nie nur mit den Augen. Wir sehen immer auch mit unserer Erinnerung und mit unserer Fantasie.

Und vielleicht fällt gerade deshalb etwas Drittes auf, das leicht übersehen wird: der Raum zwischen den beiden Formen.

Dieser Zwischenraum scheint leer zu sein. Und doch gehört er untrennbar zur Skulptur. Er trennt die beiden Stahlformen nicht – er verbindet sie. Ohne ihn gäbe es diese Skulptur nicht.

Zwischen den beiden Stahlformen befindet sich Luft.

Eigentlich würden wir sagen: Dort ist nichts.

Aber vielleicht ist gerade das nicht richtig.

Denn diese Skulptur besteht nicht nur aus Stahl. Sie besteht ebenso aus Luft.

Stahl und Luft könnten gegensätzlicher kaum sein. Hier das Schwere, Harte und Widerständige. Dort das Leichte, Unsichtbare und Unfassbare. Und doch gehören beide untrennbar zusammen. Erst die Luft spannt die beiden Formen auf. Erst sie bringt sie in Beziehung zueinander.

Vielleicht entsteht die eigentliche Sinnlichkeit dieser Skulptur gerade dort, wo scheinbar nichts ist. In diesem Gegensatz von Härte und Weichheit. Die Luft zwischen den Formen macht die Härte des Stahls überhaupt erst erfahrbar und umgekehrt.

Als Maler beschäftigt mich dieser Gedanke seit vielen Jahren. Ich habe gelernt, dass oft nicht die Linie allein das Bild entstehen lässt. Das Weiß zwischen den Linien gehört ebenso zum Werk wie das Gezeichnete selbst. Manchmal trägt gerade das Ungemalte das Bild.

Vielleicht ist es hier ähnlich.

Nicht nur der Stahl formt die Skulptur. Auch die Luft formt sie. Vielleicht ist dieser Zwischenraum sogar ihr Atem.

Wenn wir die Skulptur umrunden, verändert sich dieser Zwischenraum ständig. Die Öffnung wird enger, weiter, heller, dunkler. Die Skulptur bewegt sich nicht – und doch verändert sie sich mit jedem Schritt, den wir um sie herum machen. Sie fordert uns auf, in Beziehung zu ihr zu treten. Gerade darin liegt für mich ihre Lebendigkeit.

Für mich trägt sie etwas Weibliches in sich. Nicht als eindeutiges Symbol, sondern als Bild für Öffnung, Aufnahme und Entstehen. Man könnte sagen: Sie erinnert an einen Ort, an dem Neues entstehen kann – an einen Raum des Generativen.

Und vielleicht ist genau deshalb auch der Ort, an dem sie steht, so bedeutsam.

Denn diese Skulptur verändert nicht nur diesen Platz. Sie verändert den Raum zwischen dem Stavenhagenhaus und den Bäumen. Plötzlich entstehen neue Blickrichtungen, neue Verbindungen und neue Spannungen. Auch durch ihre Farben verbindet sich die Skulptur mit dem Ort. Ihr Rot steigert im Komplementärkontrast das Grün der Pflanzen, während dieses Grün wiederum das Rot zum Leuchten bringt. Das Blaugrün der Rückseite tritt in ein spannungsvolles Verhältnis zum Rot des Stavenhagenhauses; zugleich lassen die Blautöne die Skulptur beinahe selbstverständlich aus dem Grün des Bodens hervortreten.“

So steht sie nicht einfach in diesem Raum.

Sie erzeugt einen neuen Raum.

Das berührt mich besonders, weil dieser Ort selbst eine Geschichte hat. Hier wurden unterschiedliche Vorstellungen davon verhandelt, wie Groß Borstel sich entwickeln soll – zwischen Bewahren und Verändern. Solche Auseinandersetzungen gehören zu jeder lebendigen Gemeinschaft.

Umso schöner erscheint es mir, dass gerade jetzt diese Skulptur hier ihren Platz findet. Während das Stavenhagenhaus selbst einen neuen Anfang erlebt und zu einem kreativen Ort werden soll, steht hier eine Arbeit, die von Beziehung erzählt, vom Zwischenraum, vom Atem und vom Entstehen.

Vielleicht ist das überhaupt eine der schönsten Aufgaben von Kunst: Sie gibt keine endgültigen Antworten. Aber sie verändert den Raum, in dem wir uns begegnen. Sie lässt uns anders sehen. Und manchmal lässt sie uns sogar das Unsichtbare wahrnehmen.

Ich wünsche dieser Skulptur, dass sie genau das tut: dass sie viele Menschen dazu einlädt, stehen zu bleiben, sich zu bewegen, neu zu schauen – und den Raum zwischen den Dingen mit Augenlust zu sehen.

Vielen Dank.

Fotos: Uwe Schröder