Beruf Tankwart

Yavuz hört auf

Jeder kennt ihn, der in Groß Borstel sein Auto, sein Moped oder seinen Rasenmäher betanken muss: Yavuz Özgen, Betreiber von Groß Borstels Kulttankstelle in der Borsteler Chaussee. Yavuz, so nennen ihn alle hier, lebt gefühlt schon immer in Groß Borstel. Mit 16 hat er einen Beruf erlernt, den es als Ausbildungsberuf nun schon lange nicht mehr gibt: Tankwart.

Wir müssen die Zeit ein wenig zurückdrehen, wenn wir den eigentlichen Tankwartberuf beschreiben wollen. Gehen wir etwa 35 Jahre in die Vergangenheit, Beginn der 1990er-Jahre. Damals kam Yavuz, in Hamburg geborener vierter Sohn türkischer Einwanderer, gerade von der Schule. Hatte seinen Abschluss der zehnten Klasse in der Tasche und wollte einen Lehrberuf ergreifen. Zuvor hatte er öfter mal an der Esso-Tanke von Klaus Meier an der Kollaustraße/Ecke Groß Borsteler Straße gearbeitet – heute steht dort das anthrazitgraue Haus der Firma Kill-Team. Als er Meier fragte, ob er bei ihm die Ausbildung anfangen könnte, sagte dieser: „Du kannst zwar hier anfangen, aber du kannst eigentlich schon alles. Was soll ich dir noch beibringen? Geh‘ woanders lernen und komm‘ dann wieder als Geselle, dann kannst du bei mir sofort wieder anfangen.“

Ein Tankwart brauchte damals kaufmännische Kenntnisse – selbstverständlich, die lernte Yavuz auch, aber in erster Linie musste er sich um die Autos der Kundschaft kümmern. Benzin und Öl nachfüllen. Bremsen kontrollieren, Reifen wechseln, Zündkerzen wechseln, kleinere Reparaturen durchführen. Sozusagen Autoschlosser light. Yavuz Özgen kniete sich in das Thema rein. Er hatte als Kind seinem Vater schon zugesehen, der den Motor eines Mercedes selbst wechseln konnte. Ein paar dieser Vater-Gene muss Yavuz mitbekommen haben.

Es dauerte nicht lange, drei Jahre, und Yavuz klopfte mit dem Gesellenbrief in der Tasche beim Nachfolger von Klaus Meier an: Peter Ehmke. Der hatte Meiers BP-Tankstelle an der Borsteler Chaussee (heute steht dort das Finanzamt) von Klaus Meier übernommen. Yavuz bekam den Job. Jeder, der damals vorbeikam, wurde jetzt von Yavuz bedient. Er arbeitete wie ein Selbstständiger. Machte alles, was „draußen“ zu tun war. Der Chef war meist hinten im Büro und freute sich über den tüchtigen Mitarbeiter.

Was war in der Zeit anders als heute, Yavuz?

„Wir haben damals alles gemacht. Die Tankstelle hatte zwar Selbstbedienung, aber viele haben den Wagen auch von uns betanken lassen. Dann fragt man halt nach der Scheibenwischerflüssigkeit. Wechselt auch die Scheibenwischer. Macht auf Wunsch einen Ölwechsel. Oder wenn der Wagen schlecht anspringt, guckt man, ob man helfen kann. Mir lag die Arbeit. Ich helfe den Leuten gern weiter.“

Damals war der Tankwart noch selbständig. Er kaufte Öl und Benzin ein. Die Verdienstspannen waren so, dass man vom Benzinverkauf gut leben konnte. Heute werden die Umsätze zwar noch mit Öl und Benzin gemacht, aber die reine Wartung und Reparaturen von Autos verlieren an Bedeutung. Zum Ausgleich nehmen die Shop-Umsätze zu. Die meisten Waren werden über die Betreibergesellschaft geliefert. Die Preise sind vorgeschrieben. Dem Tankstellenpächter bleibt noch ein kleiner Gestaltungsraum: Er darf in begrenztem Umfang eigene Waren anbieten.

Die Betreibergesellschaft gibt Umsatzziele vor. Yavuz Özgen muss versuchen, genügend Benzin zu verkaufen, auch wenn die Papenreye gesperrt ist und der Weg beim Jäger auch noch dicht ist. Die Gesellschaft fragt am Ende des Jahres, wieso die Umsätze mit der Waschanlage zurückgegangen sind oder warum bestimmte Waren im Shop nicht so laufen, wie es sich die Marketingleute ausgedacht haben.

Es war kein Aprilscherz, aber der hatte Folgen: Seit dem 1. April dürfen die Benzin- und Dieselpreise nur noch einmal am Tag, und zwar um 12 Uhr mittags umgestellt werden. Die Leute, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, hatten davor zumeist über den Tag verteilt Benzin nachgefüllt, jetzt wird möglichst vor 12 Uhr getankt. Ab 12 Uhr: Tote Hose an der Tanke. Nur vereinzelt kommt jemand vorbei. Zückt seine Firmentankkarte und zahlt, ohne mit der Wimper zu zucken, den gestiegenen Preis. Personal muss auch nachmittags vorgehalten werden. Und wenn einer mal krank wird?

Dann ist Yavuz dran. Besonders „beliebt“ sind Schichten zu Weihnachten, Silvester oder Ostern. Der Pächter ist immer gefragt, zumeist auch bis spät abends oder am Wochenende.

Wenn du hier bist, was sind dann deine Aufgaben?

„Also ich mach hier das Laufende. Heute ist beispielsweise Ware gekommen. Da sind auch neue Sachen dabei, die muss ich einsortieren. Ich bin auch oft an der Kasse. Ich lauf‘ über die Tankstelle, guck‘, ob alles okay ist. Schwing den Besen, wenn Laub da ist, fülle Wasser nach. Viel Kundenkontakt, das mag ich an dem Job. Dadurch, dass man achtzig Prozent der Leute kennt, hat man auch irgendwelche Beziehungen zu denen, logischerweise, dass man immer mal ’n kleinen Klönschnack hält.“

Gibt es auch skurrile Autos, die hier zu tanken kommen?

„Ja, also am lustigsten finde ich zum Beispiel den kleinen weißen Fiat 500, der keine Türen hat und Korbsessel, das ist so ein Strandwagen. Ich weiß nicht, wie der heißt.“ (Anmerkung von Google: Fiat 500 Jolly) „Dann haben wir noch zwei alte Pickups. Oder eine alte SL-Pagode. Verschiedene Jaguars, eigentlich jede Menge Oldtimer.“

Yavuz liebt Oldtimer. Er meint, er habe den Beruf gelernt, weil ihn alte Autos und deren Technik faszinieren. Und: „Ich finde, die alten Autos sind einfach hübscher.“

Allerdings ist die Arbeit an der Tankstelle für Yavuz Özgen zunehmend zur Belastung geworden. Die finanziellen Bedingungen haben sich seit Jahren deutlich verschlechtert. Was mehr geworden ist, das sind die bürokratischen Anforderungen. Bei Yavuz hat die Belastung gesundheitliche Auswirkungen gehabt: Rückenprobleme, eine schmerzhafte Gürtelrose im Gesicht. Aus gesundheitlichen Gründen gab es für ihn keine Alternative: Er hört zum Ende des Monats als Tankwart auf. Die Tankstelle an der Borsteler Chaussee 95 wird weiterbetrieben, ein junges Ehepaar aus Lübeck übernimmt den Betrieb. Der letzte (gelernte) Tankwart aus Groß Borstel gibt den Schlüssel ab.

Yavuz, was ist dir wichtig zum Schluss noch zu sagen?

„Ich möchte mich bedanken für all die Jahre hier in Groß Borstel. 22 Jahre als Selbständiger. Mit der Lehre über 30 Jahre hier im Stadtteil. Ich habe den Kontakt zu den Leuten wirklich gerne gehabt, duze mich mit 80 Prozent meiner Kunden. Manchen Familien tanken hier seit drei Generationen. Meine Leute, alle hier sind mir ans Herz gewachsen. Ich hätte gerne weitergemacht. Doch gesundheitlich geht es einfach nicht mehr. Ich muss leider Tschüs sagen.“

Lieber Yavuz, den Dank geben wir – die Redaktion des Boten, und viele, die wir kennen – gerne zurück. Du hast mit deiner Arbeit, vor allem aber mit deiner freundlichen und hilfsbereiten Art unseren Stadtteil bereichert. Wir wünschen Dir alles Gute für die Zukunft, vor allem aber Erholung und Gesundheit.

Text, Fotos: Uwe Schröder