„Der Ochse auf dem Dach und andere Verbote…“

Unter diesem Titel fand am 26. Juni 2017 im Stavenhagenhaus ein ganz besonderes Konzert statt. Das in Groß Borstel lebende Klavierduo Friederike Haufe und Volker Ahmels spielte in ihrem 20-sten Jubiläumsjahr zur Erinnerung an den 1912 in Groß Borstel geborenen Komponisten Ingolf Dahl Werke von ihm und den mit ihm in den USA im Exil lebenden Zeitgenossen. Sie alle zählten zu den von Nationalsozialisten verfolgten „Verfemten Komponisten“.

Das von den Freunden des Stavenhagenhauses, der Kirchengemeinde St. Peter und dem Kommunal-Verein gemeinsam geplante und veranstaltete Konzert im Rahmen der Hamburg-weiten Tage des Exils 2017 hat etwa 80 Teilnehmer ins Stavenhagenhaus gelockt. Es ist die Fortsetzung der Ende Mai 2016 im Stavenhagenhaus und im Januar 2017 in unserer Kirche St. Peter durchgeführten Veranstaltungen, die der Erinnerung der einst hoch angesehenen und dennoch vertriebenen Familie Dr. Paul Marcus gewidmet sind. Über die Wiederentdeckung dieser Familie, deren zwei ältesten Söhne sich im Ausland zu Künstlern mit internationaler Anerkennung entwickelt haben, wurde im Borsteler Boten bereits mehrfach berichtet.

Angereist aus Stockholm waren Francoise Ribeyrolles-Marcus, die Ehefrau von Ingolf Dahls jüngerem Bruder Gert Marcus, sowie deren Neffe Stefan Björnson, Sohn der 1918 ebenfalls in Groß Borstel geborenen Britta Marcus, der kleinen Schwester von Ingolf Dahl und Gert Marcus.

Die ebenfalls eingeladenen Töchter von Alexandre Tansmann, Mireille und Marianne Tansman, haben kurzfristig absagen müssen. An ihrer Stelle hat Frau Bettina Sadoux, Vize-Präsidentin der Alexandre Tansman Assoziation, Paris, teilgenommen. Sie hat anhand einer Multimedia-Präsentation eindrucksvoll und sehr lebendig aus dem Leben und Wirken des Komponisten Alexandre Tansman berichtet. Er war mit Igor Strawinsky in enger Freundschaft verbunden und dürfte auch Kontakt zu Ingolf Dahl gehabt haben, der in den USA als Assistent von Strawinsky tätig war. Sicher ist dass Dahl alle anderen an diesem Abend aufgeführten Komponisten persönlich gut gekannt hat. Der Abend hätte also auch den Titel „Dahl and friends“ führen können.

Das Konzert begann mit dem Zyklus „4 Intervalls“ von Dahl. Er besteht aus vier kurzen Stücken, in denen die Intervalle, also die musikalischen Tonzwischenräume vorgestellt und beeindruckend verarbeitet werden. Es folgten die „6 Klavierstücke“ von Arnold Schönberg. Das Publikum staunte nicht schlecht: Schönberg als das Synonym für Moderne, und hier erklang nun seine einzige Originalkomposition zu vier Händen aus dem Jahre 1896. Sie bewegt sich noch ganz im traditionellen Dur-Moll-Spektrum und ist wie ein Spiegel des Wiener Bürgertums jener Zeit, romantisch und schwärmerisch.

Nach Igor Strawinsky und Alexandre Tansman, Letzterer vertreten mit zwei Werken, erklang zum krönenden Abschluss des Abends das berühmte und spektakuläre Werk von Darius Milhaud, das „Ballett op. 58, Le Boeuf sur le Toit ou The Nothing Doing Bar, zu Deutsch Der Ochse auf dem Dach – oder die Nichts-Tu-Bar, Kino-Symphonie im südamerikanischen Stil. Posse, eingebildet und eingerichtet durch Jean Cocteau“. Milhaud gelingt es auf spektakuläre Weise, den schnellen, skurrilen, surrealistischen Inhalt der „Farce“ in Musik zu setzten. Atemlos und virtuos steigt das Varieté des Paris der Zwanziger Jahre vor dem inneren Auge des Hörers auf.

Das Musikprogramm wurde vom Groß Borsteler Klavierduo Friederike Haufe und Volker Ahmels großartig anmoderiert und dargeboten. Manche Angst vor moderner Musik wurde genommen und in Begeisterung verwandelt. Der Ochse auf dem Dach löste einen wahren Begeisterungssturm aus.

In der Konzertpause sowie nach dem Konzert waren von Stefan Björnson zusammengestellte, alte Filmaufnahmen aus den 30-er Jahren mit Theateraufführungen im Garten der Familie Dr. Paul Marcus hier im Holunderweg bzw. im Eppendorfer Moor zu sehen. Es sind einzigartige Zeitdokumente, die nahezu intime Einblicke in das kulturfreudige Familienleben ermöglichen. Wir haben die Filme Ende Mai bei unserem Besuch der Familie Marcus in Stockholm gezeigt bekommen und durften sie dankenswerterweise bei der Veranstaltung zeigen. Sie wurden von den Teilnehmern mit großem Interesse aufgenommen und gaben freudigen Anlass zu lebhaften Gesprächen.

Die abschließende Gelegenheit, bei einem kleinen Imbiss und Umtrunk die vielfältigen Eindrücke mit den Künstlern, den Angehörigen der Familie Marcus zu diskutieren, haben den Konzertabend würdig und mit einem Gefühl der Dankbarkeit ausklingen lassen. Sowohl Frau Ribeyrolles-Marcus als auch Stefan Björnson bedankten sich ausdrücklich im Namen der gesamten Familie Marcus für das in den letzten eineinhalb Jahren aufgebrachte Engagement, um das Leben und Wirken der vertriebenen Familie Marcus in Erinnerung zu rufen und hier in Hamburg angemessen zu würdigen.

Großer Dank gebührt dem Bezirksamt Hamburg-Nord, der Landeszentrale für Politische Bildung sowie der Herbert und Elsbeth Weichmann Stiftung für die erneute großzügige Unterstützung dieser Veranstaltung und damit unseres Engagements.

(Dr. Hans-H. Nölke)