Über die Jagd

Auf einen Kaffee mit Borsteler Jägern

Jagd, das ist für viele ein Wort, das eine Unruhe ausstrahlt. Ich assoziiere damit eine hastige, atemlose Hetzjagd. Es geht über Wiesen, Hecken und Zäune, durch Sümpfe und Schilf, über Stock und Stein. Ohne Rücksicht auf Verluste. Es kann zu Verletzungen kommen. Aber man gibt nicht auf, man will es wissen. Urwüchsig, existenziell. Es riecht nach Schweiß, nach Blut und lehmiger Erde oder Ackerboden. Es geht tödlich aus, meistens. Ob es genau so und nicht anders ist, will ich überprüfen. Vielleicht irre ich mich ja, und die Jagd ist ganz anders. Ich verabrede mich mit Jägern.

Am letzten Dienstag im Monat, und manchmal auch, wenn der Kommunalverein seine Vorstandssitzung oder eine Mitgliederversammlung hat, kann man Jäger im Stavenhagenhaus treffen. Unsere Vorstandsmitglieder kennen sie seit vielen Jahren, immer dieselben Gesichter. Sie wirken konzentriert. Manchmal auch ein wenig abgehetzt. Manch einer wischt sich den Schweiß von der Stirn. Scheint anstrengend zu sein.

„Was machen die denn da?“, frage ich etwas verständnislos den Stavenhagenhauswirt Michael Koch, als es eines Tages besonders laut im Gartensaal zuging.

„Die schießen. Das sind die Jäger.“ Sie üben Schießen, und zwar virtuell. Erwachsene Männer schießen mit einer Plastikflinte auf mit Beamer projizierte, bewegte Bilder. Ich erfahre es später, als ich mich mit zweien aus der Gruppe getroffen habe: Imke Wirth und Klaus Pöppelmann, beides passionierte Jäger.
„Ja, das ist unser virtueller Schießstand“, erklärte Imke Wirth. „Dort kann man sehr gut üben, auf bewegte Ziele zu schießen. Aber wir veranstalten auch richtige Schießübungen, natürlich.“ Dann üben sie Schießen mit der Büchse oder Flinte. Mit der Flinte, so habe ich es gelernt, schießt man mit Schrotpatronen. Geeignet für die Jagd auf Ente, Rebhuhn, Hase, Kaninchen, Marder und dergleichen. Hirsch (Rotwild), Reh und Wildschwein (Schwarzwild) werden mit der Büchse erlegt, die im Gegensatz zur Flinte nicht mit entsprechender Streuwirkung viele kleine Kugeln verschießt, sondern nur eine Patrone. Man kann sich gut vorstellen, das Schießen ist eine gefährliche Sache. Nicht nur für das Wild, manchmal auch für den oder die Jäger und selten auch für Unbeteiligte. Es sollte also fleißig geübt werden.

Imke Wirth: „Und es bringt auch Spaß. Das Schießen macht in der Jagd allerdings nur einen kleinen Teil der Arbeit aus.“

Jäger haben ein umfangreiches Aufgabenspektrum. Sie bauen und stellen Fallen auf, kontrollieren die Fallen, sie bauen Hochsitze, Füttern im Winter, beraten sich mit Bauern, welche Maßnahmen zur Eindämmung von Wildschäden ergriffen werden können. Und sie trainieren Hunde für die Nachsuche oder für die Fährtensuche. Für die Hetzjagd nicht, die ist in Deutschland verboten. Es gibt viele Spezialisten. Einige, die sich ins Jagdrecht eingearbeitet haben, in den Fallenbau, die Waffenkunde, die Hundeführung, in jagdliches Brauchtum, Jagdsignale. Imke Wirth ist Hundeführerin, und sie leitet zusammen mit einer Jagdkollegin die Hundetrainings der Jägergruppe Lokstedt. Ihr Credo: Jeder Hund ist für die Jagd geeignet, er muss nur richtig ausgebildet werden.

Das, was für den weit überwiegenden Teil der Jäger an der Jagd interessant ist, ist die jagdliche Arbeit in der Natur. Zum Beispiel die unbeschreiblich schönen Momente bei Tagesanbruch, wenn sich kurz vor Sonnenaufgang in frischer Luft die ersten Vögel melden, diesige Luft von Sonnenstrahlen durchdrungen wird und ein Knacken im Wald größeres Wild ankündigt. Der Jäger auf dem Ansitz hält in diesem Moment den Atem an, greift zum Fernglas und genießt den Anblick.

Ich ging einmal an einem sehr frühen Morgen mit meiner jungen Ridgeback-Hündin durch das verschneite Waldstück eines großen landwirtschaftlichen Betriebs in Mecklenburg. Die Hündin setzte sich überraschend hin, zeigte wie ein Pointer (englischer Jagdhund) mit ihrer Schnauze aufmerksam nach vorn, nahm Witterung auf, die linke Pfote leicht angehoben. Ich hielt inne, sah zunächst gar nichts und blieb stehen. Der Wald war vollkommen still. Keine zwanzig Meter vor uns jedoch passierte plötzlich ein stattliches Rudel Hirsche in ruhigem Lauf, etwa zehn Stück majestätisches Rotwild rauschte an uns vorbei. Vollkommen gelassen, ohne Hast. Wie in Zeitlupe sprang das Wild über den Stacheldrahtzaun einer Weide und verschwand so lautlos, wie es gekommen war.

Der Gutsherr war Jäger, wie fast alle auf dem Land mit der Jagd zu tun hatten. Aber in der Stadt? Warum ist man in Groß Borstel Jäger?

Die Jägergruppe Lokstedt, von denen zwei Mitglieder mir gegenübersitzen, existiert seit 70 Jahren und trifft sich in den letzten Jahrzehnten im Stavenhagenhaus. Sie ist, wie alle Jägergruppen, Mitglied im Landesjagdverband (Sitz in der Hansastraße). Dort muss man sich anmelden, wenn man Jäger werden will. Jeder Jäger muss eine Jagdprüfung machen. Dazu besucht man am besten eine Jagdschule, man kann die Ausbildung aber auch in der Jägergruppe ergänzen. Vieles lernt sich besser, wenn man mit Jägern unterwegs ist.

Das Jagdwissen, das man zum Bestehen der Jagdprüfung beherrschen muss, ist recht umfangreich. Der Jäger muss zum Beispiel wissen, wie das Wild waidgerecht aufgebrochen wird, was bei der Beschau der Organe beachtet werden muss und wie zum Beispiel gefährliche Wildkrankheiten erkannt werden können. Nach etwa drei Jahren wird die Prüfung absolviert. Drei weitere Jahre ist man oder frau, sofern die Prüfung bestanden wurde, Jungjäger bzw. Jungjägerin. Danach erst wäre der junge Jagdscheininhaber eigenständig jagdberechtigt.

Ein Fall für den Stadtjäger. Dachse haben unsere Mülltonnen als Nahrungsmittelquelle erkannt.

In Groß Borstel selbst jagt nur der Stadtjäger. Meistens kriegt der Stadtteil nichts davon mit, denn er kommt erstens sehr früh, wenn er jagt, und zweitens wird möglichst wenig geschossen. Obwohl es hier viel Wild gibt. Marder und seit ein paar Jahren vermehrt aus dem Osten eingewanderte Marderhunde, außerdem Frettchen, Füchse, Waschbären. Die Spuren sehen wir alle 14 Tage mittwochs. Über Nacht wurden die Gelben Säcke an die Straße gestellt, voller Leckerbissen für Füchse, Marderhunde und Waschbären. Städte scheinen für viele Arten mittlerweile attraktiver zu sein als die durch Monokulturen geprägte industrielle Landwirtschaft.

Groß Borstels Jäger jagen in den Jagdrevieren rund um Hamburg. Je weiter weg, desto günstiger sind die Jagdgebiete, also der finanzielle Aufwand für einen Begehungsschein, für Abschussberechtigungen, für Jagdpacht oder gar für den Erwerb einer Eigenjagd. Nah bei Hamburg mit attraktivem Wildbestand wird es richtig teuer, in Duvenstedt etwa, erklärt Klaus Pöppelmann.

Pöppelmann hat sich aus Altersgründen aus der aktiven Jagd zurückgezogen. Er übernimmt jedoch zusammen mit einer Kollegin die Pressearbeit und ist sozusagen Botschafter der Gruppe. Jagd ist ja nicht unumstritten. „Gibt es denn viele Anfeindungen gegen Jäger?“, will ich von den Beiden wissen. Pöppelmann: „Wenn wir Informationsstände haben, wie zum Beispiel am 1. Juni im Tibarg-Center, dann kommen fast ausschließlich nur Jagdinteressierte. Und mittlerweile auch recht viele junge Leute, von denen einige sich für die jagdliche Ausbildung entscheiden.“ Überalterung scheint bei den Borsteler Jägern kein Problem zu sein, auch die Frauenquote kann sich sehen lassen.

„Anfeindungen oder sagen wir Vorurteile“, ergänzt Imke Wirth, „erlebe ich nicht oft, aber gelegentlich als Mutter eines schulpflichtigen und jagdinteressierten Sohnes, und zwar von anderen Müttern. Für die bin ich dann: Die, die Tiere tötet.“ – „Und was machen Sie dann?“ – „Ich versuche zu informieren, aufzuklären.“

Wo sich Tiere und Menschen begegnen, hat vor allem der Mensch Verantwortung zu tragen.

Tatsächlich stirbt beispielsweise ein Reh durch einen guten Schuss in genau dem Moment, in dem es ihm vergleichsweise gut geht. Vorher. Es hat gefressen, fühlt sich bestens. Von dem Tod selbst bekommt es bewusst nicht viel mit. Es stirbt, ohne über längere Zeit Stresshormone auszuschütten. Und es landet nicht als Schlachtvieh in einem Lastwagen, der nach vielleicht mehreren hundert Kilometern in einen Schlachthof ankommt. Voll mit vor Angst blökenden Tieren, um dann mit Elektroschockern ausgeladen zu werden. Um dann letztendlich – ich will die Einzelheiten auslassen – cellophaniert im Kühltresen bei Rewe oder Lidl zu landen.

Nein, die Jagd ist schon speziell. Nicht jedermanns Sache. Man kann verstehen, dass Vorurteile existieren, besonders in der Stadt. Diese werden jedoch in Gesprächen mit Jägern schnell ausgeräumt. Wer Interesse hat und zu den Borsteler Jägern Kontakt aufnehmen möchte, kann sich beim Gruppenleiter der Jägergruppe melden, bei Klaus Fiebelkorn: klaus.fiebelkorn@jaegergruppe-lokstedt.de.
Uwe Schröder

BUs:
Ein Fall für den Stadtjäger. Dachse haben unsere Mülltonnen als Nahrungsmittelquelle erkannt.

Wo sich Tiere und Menschen begegnen, hat vor allem der Mensch Verantwortung zu tragen.