Bis zum 22. Mai 1966 war die Welt in Groß Borstel vollkommen in Ordnung. Groß Borstel war angeschlossen an den Rest der großen weiten Welt. Man konnte bequem in die Straßenbahn steigen und mal eben zum Lattenkamp oder über Eppendorf gleich ganz in „ die Stadt fahren“, so sagte man damals. Umweltfreundlich, weil voll elektrisch. Die krebserregenden Dieselbusse kamen später. Wie gesagt, bis Mai 66 war alles in Ordnung.

Die schöne Linie 18 war ursprünglich eine Ringlinie: Sie führte einmal um die Alster herum. Es gab keine schönere Linie als die 18. Man konnte alle Stadtteile rund um die Alster besuchen. Und einfach in der Bahn bleiben, wenn man zurück wollte nach Hamburgs schönsten Stadtteil: nach Groß Borstel. Für Kinder war diese Stadtrundfahrt zum Preis von 30 Pfennigen zu bekommen, Alsterblick inklusive. Bei den Erwachsenen gestaltete sich die Preisfindung etwas komplizierter: Zonen und Zahlgrenzen waren zu berücksichtigen. Kaum einer wusste, wie das verworrene Tarifsystem der Hochbahn damals zu interpretieren war. Kaum einer? Nein, mindestens einer war immer da, und zwar in jeder Straßenbahn, der so richtig Bescheid wusste: der Schaffner. Straßenbahnen mit  Anhänger hatten sogar zwei Schaffner, beide uniformiert und mit amtlicher Mütze.

Der Straßenbahnschaffner kannte sich aus mit Zahlgrenzen und Tarifzonen. Das Fahrgeld bunkerte er in einer aus zentimeterdickem Schweinsleder gefertigten Tasche, an der  vorne ein merkwürdig skurriles, aber unschlagbar praktisches System zur Fahrkarten- und Geldausgabe befestigt war. An einem Wählrad stellte der Schaffner den ermittelten Tarif ein, als wollte er mit seiner Geldtasche telefonieren. Durch Drehen an einer seitlichen Kurbel wurde dann der Fahrschein gedruckt, der mit einem abschließenden, gut vernehmbaren „Kling!“ die Welt der Straßenbahn erblickte. Kleingeld klimperte aus einer fast instrumental anmutenden Münzausgabe, meiner Erinnerung nach bestehend aus Röhren verchromten Stahls, in denen sich fünf Tempeltürmchen gängiger Münzen stapelten. Das Wechselgeld wurde befreit durch kleine Hebel, die der Kassierer sehr virtuos zu bedienen wusste.

Später wurden die Schaffner leider abgeschafft – wegrationalisiert, wie man heute sagt. Dem Fahrer, der bislang unbehelligt vorne in seiner Kabine sitzen konnte und sich auf den Verkehr konzentrieren musste, wurde das Kassieren zugemutet. Die Fahrerkabine erhielt dafür eine hinten zum Fahrgastraum zu öffnende Scheibe und der Fahrer einen Drehstuhl. Der Fahrer öffnete die Scheibe zum Kassieren bei jeder Haltestelle und schloss sie bei der Abfahrt, drehte sich um und fuhr weiter. Denn eines war strengstens verboten: Mit dem Fahrer während der Fahrt zu sprechen.

Der Straßenbahnfahrer sollte sich auf den Verkehr konzentrieren, der damals schon von mehr oder weniger begabten Autofahrern dominiert wurde. Immer wieder parkte einer von denen so ungeschickt mit einem Rad oder gar dem ganzen Gefährt auf der Schiene, dass die Straßenbahn eine Zwangspause einlegen musste – bis der Herr oder die Dame mit dem Auto sich zum Weiterfahren bequemte.

Die Straßenbahn fuhr stur geradeaus. Alles, was sich ihr in den Weg stellte, musste mühselig beiseite gebimmelt werden. „Starker Kraftwagenverkehr“, so meinte die Behörde damals,  war schließlich auch der Grund dafür, warum die Ringlinie 1954 eingestellt wurde. Bis 1960 fuhr die 18 von Groß Borstel über die Innenstadt zum Goldbekplatz und zurück, ab 1963 dann nur noch zur Innenstadt und wieder zurück.

Zwar ging am 22. Mai 1966 die Sonne auf, aber es war dennoch ein ganz schwarzer Tag für Groß Borstel. Der Betrieb der Linie 18 wurde eingestellt. Die Bahn fuhr nicht mehr bis Groß Borstel, sondern nur noch von Hauptbahnhof bis Eppendorf. Im Jahre 1969 wurde die Linie 18 komplett eingestellt. „Schafft die lahmen Busse ab, bringt die Straßenbahn auf Trab!“, riefen die seinerzeit noch bewegten Studenten auf Demonstrationen. Aber es half alles nichts. Groß Borstel war abgekoppelt. Zwar nahm der Flugverkehr zu (mittlerweile 15 Mio. Passagiere!), was den logischen Schluss zulässt: Man kommt gut weg von Groß Borstel. Nur wie kommt man dort hin aus der Innenstadt? Alte Groß Borsteler würden sagen: „Mit der Linie 18!“ Aber das war einmal – leider.

Uwe Schröder