Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. § 1 der Strassenverkehrsordnung

Nachdem Anfang Mai schon wieder eine Radfahrerin von einem abbiegenden LKW-Fahrer getötet worden ist, ist das Thema Verkehrssicherheit in aller Munde. Zeitungen berichten über den Unfall, es werden Mahnwachen und Gedenkveranstaltungen abgehalten. Der obligatorische Ruf nach mehr Radwegen wird laut und den Radfahrern wird empfohlen, vorsichtiger zu sein und nicht auf ihrer Vorfahrt zu beharren.

Über allem schwebt die Frage: Wie gefährlich ist Radfahren eigentlich.

Der normale Radfahrer denkt an brenzlige Situationen an Ausfahrten oder mit dicht überholenden LKWs. Er erinnert sich an Fußgänger, die plötzlich auf den Radweg springen oder unsichtbare Hundeleinen, die seinen Weg überspannen.

Autofahrern fehlt die schützende Karosserie, sie erinnern sich an plötzlich aus dem Dunkeln auftauchende Radfahrer, die sie erst im letzten Moment wahrgenommen haben, an Fahrer, die vor ihnen bei Rot über die Ampeln sprinten.

Und alle sind sich sicher: Radfahren ist gefährlich!

Diese Meinung ist weit verbreitet und wird durch Regierung und Verkehrsverbände noch weiter zementiert. Sie basiert aber vor allem auf einem Gefühl, dem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.

Zum Glück gibt es inzwischen genug Informationsmöglichkeiten auch für Leute, die keine Verkehrsplaner sind. Per Internet kann man auf eine Fülle von Statistiken, Studien und wissenschaftlichen Abhandlungen zugreifen, die die Verkehrssituation deutlich realistischer beschreiben, als es dem Einzelnen aufgrund von selbst erlebten Vorkommnissen möglich ist.

Zuerst einmal muss man feststellen: Das Leben ist gefährlich! Es gibt unzählige Möglichkeiten, vor seiner Zeit aus dem Leben zu scheiden. An viele davon würde man niemals denken.

Zurück zum Radfahren: In Hamburg sterben ca. 30 Verkehrsteilnehmer pro Jahr, etwas mehr als 9000 verunglücken (Quelle VU-Statistik der Polizei Hamburg). Letztes Jahr waren das 3 tote und 2318 verunglückte Radfahrer. Bundesweit starben 2017 3186 Menschen im Straßenverkehr, 393.000 sind verunglückt (Quelle Statistisches Bundesamt), der Anteil toter Radfahrer liegt seit Jahren ziemlich konstant bei ungefähr 400.

Ist das jetzt viel oder wenig?

Jeder Tote ist einer zu viel, tönt es schnell aus dem Mund von Politikern. Aber welche Risiken existieren abseits der Straße und was wird von der Gesellschaft ohne Proteste akzeptiert?

In der gleichen Größenordnung getöteter Radfahrer sterben jedes Jahr in Deutschland (Quelle Statistisches Bundesamt 2015) Menschen bei tätlichen Angriffen (433), durch Feuer (343) oder sie ertrinken (444). An drei- bis viertausend Verkehrstote jedes Jahr haben wir uns gewöhnt. Zehntausend Selbstmorde und fast dreizehntausend tödliche Stürze (vor allem auch im Haushalt) werden nur selten thematisiert.

Wohl jeder hat Angst krank zu werden, und das zu Recht. Durch Infektionen und Parasiten starben 2015 fast 20.000 Menschen, die Grippe kostete ebenfalls 20.000 Leben. Zu hoher Blutdruck wurde 2015 bei fast 42.000 Menschen als Todesursache festgestellt. Krebs (226.337) und Krankheiten des Kreislaufsystems (356.616) sind die Spitzenreiter in der Todesstatistik. Insgesamt starben 2015 925.200 Menschen.

Wer möchte da noch behaupten, Radfahren wäre besonders gefährlich. Vor allem, wenn man noch die Gesundheitseffekte regelmäßiger Bewegung gegenrechnet. In einer dänischen Langzeitstudie (Bicycle Research Report N° 132, Oktober 2001) wurde festgestellt, dass Menschen, die drei Stunden pro Woche mit dem Fahrrad fahren, eine um 40 Prozent niedrigere Sterberate haben als diejenigen, die sich nicht oder nur in ihrer Freizeit aktiv bewegen.

Es gibt also nichts Falscheres, als aufgrund einer unbestimmten Angst „vor dem Verkehr“ auf das Fahrradfahren zu verzichten und damit letztendlich sein Leben zu verkürzen.

Markus Tietz