Groß Borstel in kriegerischen Zeiten (II) – Der Kleine Nordische Krieg

Gemäß der Hamburger Lesart hatte die Stadt 1189 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa einen Freibrief als Freie Reichsstadt erhalten. Historiker halten das entsprechende Dokument allerdings für eine Fälschung. Besonders Dänemark tat sich sehr schwer mit den angeblichen Hamburger Sonderrechten. Fast 500 Jahre lang versuchten dänische Könige die Handelsstadt in ihr Reich zu integrieren.

Schon im Jahr 1201 hatte Waldemar II., Herzog von Süderjütland und König von Dänemark, Hamburg überfallen. Im frühen 13. Jahrhundert stand Hamburg eine Zeitlang unter dänischer Verwaltung. Eine Koalition norddeutscher Fürsten beendete aber 1227 mit dem Sieg in der Schlacht von Bornhöved (bei Segeberg) die dänische Vorherrschaft zwischen Elbe und Eider zunächst wieder.

Mit dem Zusammenschloss von nordeuropäischen Handelsstädten zur Hanse kam Hamburg als Zentrum mit eigener Handelsflotte zu großem Wohlstand und erwarb im 14. Jahrhundert in drei Schritten Abschnitte der Alster und 23 Dörfer, die am Ufer des Flusses lagen. 1325 kam auch Groß Borstel zu Hamburg.

In den kriegerischen Auseinandersetzungen des Dreißgjährigen Krieges 1618-48 war Hamburg mehrfach Ziel dänischer Begehrlichkeit, konnte seine Unabhängigkeit aber bewahren. Nach dem Ende des Dreißigjährigem Krieg kam es aber schon 1655 in den „Nordischen Kriegen“ erneut zu großen Konflikten im Ostseeraum. Nachdem 1654 Karl X. Gustav auf den schwedischen Thron gekommen war, erhob auch der polnische König Johann II. Kasimir als ein Urenkel von Gustav I. selber Ansprüche auf den Thron. Als Reaktion griff Schweden 1655 Polen-Litauen an. Der neue dänische König Friedrich III., der Nachfolger von Christian IV., sah die Gelegenheit gekommen, verlorene Gebiete aus dem Thorsteinssonkrieg zurückzuerobern und erklärte Schweden 1657 den Krieg. Bei Bargteheide und Fuhlsbüttel sammelte der dänische Reichsmarschall Andreas Bilde seine Truppen für einen Angriff auf die schwedischen Gebiete in Mecklenburg und Vorpommern.

Als erste Maßnahme überquerten die Dänen zunächst die Elbe und besetzten die im Dreißigjährigen Krieg Schweden zugesprochen Stadt Stade. Der schwedische König Karl X. Gustav eilte daraufhin mit seinem Heer aus Polen herbei und bewegte sich von Oldesloe kommend auf die Elbe zu. Die Dänen mit ihrem Kommandanten Ahlefeld zogen sich Richtung Oberalster zurück, wurden aber von den Schweden verfolgt. Bei Fuhlsbüttel überschritten die Schweden unter der Führung von General Graf Wrangel die Alster. Zwischen Fuhlsbüttel und Groß Borstel kam es an einer Brücke über die Tarpenbek zu einer vorentscheidenden Schlacht, bei dem viele fliehende dänische Reiter im Sumpfgebiet der Tarpenbek von den Schweden gefangengenommen wurden. Ein Jahr später musste Dänemark den Frieden von Roskilde unterschreiben und weitere Gebiete an Schweden abtreten.

Die siegreichen schwedischen Truppen waren ein zusammengewürfelter Haufen unterschiedlicher Nationalitäten – darunter Polen, Österreicher und Brandenburger – die bei ihrem Heerzug gegen das dänische Heer keine Rücksicht auf die Menschen in den Dörfern Holsteins nahmen. Die Plünderungen und Kontributionen, das heißt: Geldforderungen, übertrafen in ihrem Ausmaß noch die des Dreißigjährigen Krieges.

Nach der dänischen Niederlage ging der schwedische König Karl X. jedoch politisch zu ambitioniert gegen Dänemark vor und plante eine völlige Auflösung des dänischen Staates. Das brachte andere europäische Mächte auf den Plan, die Dänemark zu Hilfe eilten, um Schweden nicht zu stark werden zu lassen. Der Konflikt ging mit anderen Konstellationen weiter, wurde aber nicht mehr in Holstein ausgetragen. Der Kleine Nordische Krieg endete am 3. Mai 1660 mit dem Vertrag von Oliva, in dem der polnische König auf seinen Anspruch auf den schwedischen Thron verzichtete.

Nach dem Tode von Christian IV. und infolge der fortgesetzten Beanspruchung Dänemarks unter seinem Nachfolger in den Konflikten mit Schweden, blieb Hamburg trotz seiner formalen Unterwerfung unter die Oberherrschaft Dänemarks de facto weiterhin eine unabhängige Reichstadt. Dieser Status wurde aber vom neuen dänischen König Christian V. wieder in Frage gestellt. Dabei nutzte der dänische König einen Streit zwischen Senat und Bürgerschaft zu seinen Gunsten aus. Schon in den 1660er Jahren hatten sich in Hamburg soziale Spannungen entwickelt, die sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem anhaltenden Streit auswuchsen. Die Bürgerschaft warf dem Senat Fehlentscheidungen, Korruption und Vetternwirtschaft vor. Es kam zum offenen Konflikt und zu Unruhen in der Hansestadt. Der Bürgermeister wurde schließlich 1684 abgesetzt und suchte beim Herzog von Lüneburg-Celle Unterstützung. Die Vertreter der Bürgerschaft wandten sich an den dänischen König um Hilfe. Christian V. sah die Gelegenheit gekommen, aus dem Konflikt Profit zu schlagen und Hamburg in sein Reich einzugliedern.

1686 rückte Christian V. mit einem Heer an und schlug sein Lager in der Nähe von Groß Borstel auf. Das dänische Heer plünderte die Dörfer an der Geest vor Hamburg und Eppendorf bis zum Hamburger Berg (St. Pauli). Auch Groß Borstel wurde verwüstet. Am 20. August 1686 begannen die Dänen mit dem Artillerie-Beschuss der vorgelagerten Hamburger Sternschanze. Die Hamburger Verteidigungstruppen waren durch Truppen aus Lüneburg-Celle verstärkt worden. Auch Brandenburg schickte Hilfstruppen. Die Dänen drangen mit ihrem Angriff nicht durch und zogen sich nach zwei Wochen wegen Ermüdung ihrer Truppen nach Ottensen zurück, machten aber weiter die Hamburger Umgebung unsicher. Der Bauernhof des Groß Borsteler Bauern Mähl musste nach Plünderungen 1687 versteigert werden. Im folgenden Jahr überfielen die Dänen ein weiteres Mal das Hamburger Dorf Groß Borstel. Hamburg musste schließlich an Dänemark eine Entschädigung von 300.000 Talern zahlen. Der vertriebene Bürgermeister Meurer kehrte zurück und ließ die Aufrührer hinrichten.

Der Konflikt mit Dänemark um die Rolle Hamburgs als freie und unabhängige Reichsstadt blieb noch lange bestehen und konnte erst sehr viel später, 1768 mit dem „Gottorfer Vergleich“, gelöst werden.

Im „Großen Nordischen Krieg“ kam der Krieg zurück. Mehr im nächsten Heft.

André Schulz