EDITORIAL

Liebe Borstelerinnen, liebe Borsteler,

eines der bekanntesten Lieder von Wolfgang Petry ist „Ganz oder gar nicht, geh’n oder bleiben, ganz oder gar nicht, Du musst Dich entscheiden“. Da geht es um die Liebe, um eine Beziehung, eine gemeinsame Zukunft. Und da reicht Wolfgang Petry „…nicht nur ein bisschen“, es ist für ihn eine Frage von entweder – oder!

Entweder – oder bedeutet die Wahl zwischen zwei Dingen, bei der nur eine Möglichkeit zutrifft und beide zusammen nicht gleichzeitig gehen. Es drückt eine klare Alternative aus und wir verwenden es im Alltag, um Entscheidungen zu treffen. Beispiel: Wir fahren entweder mit dem Bus oder wir gehen zu Fuß. Das mag in einer bestimmten Situation für zwei Leute oder eine Gruppe eine klare Alternative sein. Ganz allgemein aber stimmt das nicht. Denn es gibt noch die Alternative, mit dem Fahrrad, dem Auto, dem Elektro-Roller oder der U-Bahn zu fahren. Oder sich aufs Pferd zu schwingen, wenn denn eins im Stall steht… Es gibt also meistens sehr viele Alternativen in unserer modernen Welt.

Früher war das anders. In feudalen Zeiten und Strukturen gab es keine alternative Wahl des Einzelnen, welchen Beruf er hatte, welche Religion er ausüben durfte und wen er heiraten sollte. Das bestimmte der Fürst, die Zunft oder die Familie und die Kirche. Heute gibt es zur Entscheidung von Wolfgang Petry verschiedene Alternativen: Wem es gefällt, der kann eine Beziehung zu dritt führen, gleichgeschlechtlich oder heterosexuell oder in einer offenen Gruppe leben. So zum Beispiel auch die AfD-Vorsitzende Alice Weidel, die mit ihrer thailändischen Frau und zwei durch Samenspenden gezeugten Kindern in der Schweiz lebt. Kein Problem. Nur etwas unglaubwürdig, wenn man die von ihrer Partei propagierte Vater-Mutter-Kind-Familie als das wahre deutsche Modell darstellt, den Lebensmittelpunkt in der Schweiz hat und wohl auch dort ihre Steuern zahlt. Ein bisschen unpatriotisch, aber kann man machen.

 Die industrielle Revolution brachte die Arbeitsteilung und die Menschen von der Scholle in die Städte. Die moderne Wirtschaft verlangte immer mehr Mobilität und Eigenverantwortung vom Einzelnen, die Schrecken des Faschismus machten dann die Notwendigkeit eines Gesellschaftsmodells deutlich, welches solche totalitären Auswüchse verhindern kann: Die Demokratie, in der die Würde des Menschen – aller Menschen – die wichtigste Grundlage des Zusammenlebens ist und der Schutz des Individuums, die Meinungsfreiheit und der Schutz von Minderheiten die bestimmenden Parameter unseres Grundgesetzes sind.

Wir bekommen aber von populistischen politischen Kräften zunehmend suggeriert, dass es für die Zukunft unseres Landes nur ein entweder – oder gibt: Entweder Remigration, alle Ausländer raus, egal, ob sie integriert sind, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, anerkannte Asylsuchende sind – oder angeblich alle Ausländer und Asylsuchende rein ins Land. In Deutschland leben und arbeiten rund 25,8 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund, das sind etwa 31,1 Prozent, also knapp ein Drittel der Bevölkerung. Außerdem rund 3,4 Millionen Schutzsuchende und Geflüchtete, die meisten mit 1,16 Millionen aus der Ukraine. Alle raus?? Es geht bei vielen Menschen heute um die Sehnsucht nach Ordnung in dieser so chaotisch gewordenen Welt. Aber: Entsteht durch Remigration Ordnung? Sollte man gar militärische Mittel für Abschiebungen nutzen? „Man verteufele nicht pauschal die Produktion von Rüstungsgütern, weil man bei der späteren Remigrations- und Abschiebeoffensive entsprechende Hilfsmittel brauche.“ So wird Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt nach seinem Wahlsieg im Deutschlandfunk vom 12. September 2026 zitiert. Wollen wir Verhältnisse mit ICE-Truppen wie in den USA?

Unser Wirtschaftssystem ist der Kapitalismus und damit auf ständiges Wachstum angewiesen. Wenn das Wachstum nicht mehr mit „eigenen“ Leuten und „eigenem“ Kapital funktioniert, weil von beidem zu wenig vorhanden ist, braucht es schon seit langem Fremdkapital und Fremd-Manpower aus dem Ausland. Sehr vereinfacht gesprochen. Und da hilft Wolfgang Petry grad nicht weiter, denn „…ganz oder gar nicht“ klappt erst recht nicht mehr in einer Welt, die durch Internet und umfassende wirtschaftliche Verflechtungen, internationale Forschungen und Entwicklungen, Arbeitsteilung, Ressourcenvorkommen, Handel und Lieferketten und gegenseitige Abhängigkeiten gekennzeichnet ist. Wenn Frau Weidel und ihre Mannen fordern: Remigration! Alle Windräder und die Schulpflicht weg! Die Ukraine Putin überlassen und dann wird alles gut wie vor …ähem, 100 Jahren? 200 Jahren? Dann ist das eine nostalgische Erzählung von einer Zeit, die es so nie gab. Dann ist das der Ruin unserer Wirtschaft, das Ende der freien Presse, das Ende der Bildung und das Ende des menschlichen Zusammenhalts.

Wir müssen in den sauren Apfel beißen und uns mit einer Vielzahl von Widersprüchen und Alternativen auseinandersetzen und sie häufig auch aushalten. Das ist anstrengend und oft frustrierend. Und es wäre mehr als überfällig, dass die politischen Parteien hier mehr Orientierung geben. Nicht entweder – oder. Das eine tun und das andere nicht lassen! Notwendige Reformen und Leistungseinschränkungen bei den Sozialsystemen – aber mit Augenmaß für besonders belastete Gruppen, beispielsweise Alleinerziehende. Oder bitte auch die geschätzt 100 Milliarden Euro Steuern konsequent eintreiben, die jedes Jahr uns allen durch die Lappen gehen! Stichwort: Gerechtigkeit! Und die dringend erforderliche stärkere Zusammenarbeit unter den demokratischen Parteien – und hier an erster Stelle in der Regierungskoalition – nicht nur anmahnen, sondern auch praktizieren: Das würde einen versöhnlicheren Ton in der ganzen aufgeheizten Stimmung im Land produzieren und den Menschen vermitteln, dass es um unser Land, unsere Menschen und unsere Zukunft geht.

Ich bin kein großer Fan von Wolfgang Petry, aber er hat es sich nicht ausgesucht, dass ich sein Liedchen hier so schamlos benutzt habe für Zusammenhänge, die er sich sicher nie hat träumen lassen. Es passte grad nur so gut. Ich entschuldige mich!

Herzlich Ihre Ulrike Zeising