Der Warnckesweg.
Teil 3: Die für Groß Borstel charakteristische Architektur nach 1900
1908 muss ein Jahr gewesen sein, in dem man in Groß Borstel kaum an den vielen Baustellen vorbeikam. Überall wurden Häuser fertiggestellt! Es entstanden die weiße Villa in der Frustbergstraße 12a, das kleine charmante Haus im Schrödersweg 27 und mehrere Doppelhäuser am Warnckesweg. Es war ein entscheidendes Jahr beim Umbau des Stadtteils, der sich stilistisch spürbar veränderte und städtischer wurde. Das blieb nicht unwidersprochen. 1912 urteilte ein Dr. Alfred Korn in einer Broschüre „Das malerische Groß Borstel“ harsch, des Warnckeswegs „ruhige Schönheit“ sei „leider an der Südseite durch einige stillose Neubauten beeinträchtigt worden“.
Wie ist der Verriss zu erklären? Die Architekturgeschichte Groß Borstels ist im Hamburger Vergleich eigen, denn man hielt sich hier noch weniger streng als in der Stadtmitte an einzelne Architekturstile. 1912, als Korn eine „Stillosigkeit“ konstatierte, war man allerdings stadtweit längst von den sortenrein nachgeahmten Stilarten, etwa der in Hamburg beliebten Neo-Renaissance (Martin Hallers Rathaus!) und vom Neo-Barock, der z. B. das Grindel-Umfeld geprägt hatte, abgekommen. Der Jugendstil – etwa am Dammtorbahnhof – hatte die „reine Lehre“ an den Akademien ordentlich durcheinandergeworfen. Es war nun üblich, unterschiedliche Stilepochen zu mischen. In Eppendorf etwa vereinten sich gerne Neo-Barock und Jugendstil. Dr. Korn war wohl schlicht verwirrt von der neuen Offenheit und Vielfalt. Um die Motive hinter dieser Vielfalt zu ergründen, geht dieser dritte Artikelteil auf die Architekturgeschichte ein: Er beruht auf Beobachtungen an der Architektur und ihren Dekorationen sowie an historischen Fotos, die ich als Architekturhistoriker interpretiere – die Perspektive eines Fachs, das ich an der Universität Stuttgart lehre.
Nach der Jahrhundertwende gab es in der Architektur des Warnckeswegs einschneidende Veränderungen. Ein Bauernhaus, der Wullenweber’sche Hof nahe dem Lokstedter Damm, wurde abgerissen, und eine bemerkenswerte Folge von Doppelhäusern an seiner Stelle errichtet. Sie entstanden nahezu gleichzeitig – der Warnckesweg 25/27 beispielsweise vom Architekten G. C. W. Cordes war 1908 fertiggestellt. Die Bauten schmiegten sich nun in ihrer Anordnung dem malerischen Schwung der Straße an, der sich aus der Geologie einer Moorinsel und aus der Position des verschwundenen Wullenweber’schen Hofes erklärte.

Auf einer Postkarte der Zeit sieht man, dass sich die Vorderkanten der Häuser dem „Bauch“ des Baublocks folgend vorstaffeln (Bild 1). Die Architekten entsprachen womöglich dem Wunsch der Bauherren, als sie jedem Doppelhaus eine ganz eigene stilistische Ausprägung gaben. Zwar sind alle vom Jugendstil angeregt, der mit ornamentierten pflanzlichen Elementen arbeitete. Aber jeder Bau spielte damit doch entscheidend anders.


Das Gebäude der einstigen Reinigung Kopp, Warnckesweg 17/19, ist aufgrund der Bauflucht sogar in seinen beiden Teilen gegeneinander versetzt. In seiner Architektur frei, lebt der Entwurf von der Addition von Bauteilen: Loggien, Erkern, Balkonen (Bild 2, das mir Lars Kopp zur Verfügung stellte, zeigt die historische Gestaltung der Nr. 17). Reizvoll sind Stuckdetails sowie die glasierten Dachziegel, die eine organische Kontur aufweisen. Durch die Glasierung haben sie sich am Haus 17 bis heute erhalten – bald 120 Jahre lang (Bild 3)!


Der Warnckesweg 21/23 ist ein streng symmetrisch gegliederter, kubischer Körper mit aus konturierten Brettern nachgeformtem Zierfachwerk (Bild 4). Schaut man genau hin, sieht man sogar Astansätze an den Brettern (Bild 5). Das impliziert, man habe ganze Stämme der Länge nach durchgesägt, um diesen Effekt zu erzielen. Tatsächlich wäre das so nicht gegangen; die Kernhölzer hätten sich in der Witterung gespalten. Der Schreiner fände auch gar keine so gleichen Astabstände! Stattdessen sind solide Bretter derart ausgeschnitten worden, dass es wie Astansätze aussieht: Die Botanik zu geometrisieren und zu rhythmisieren ist typisch Jugendstil. Aber zugleich liegt eine durchaus eigene Form vor, die etwas an die Buchkunst der Zeit erinnert. Auch nimmt der Architekt durch die Anspielung auf ein Fachwerk Aspekte des Heimatstils auf. Womöglich war das sowohl ein Schwanengesang an den abgerissenen Wullenweber’schen Hof als auch ein Fingerzeig auf die erhaltenen Fachwerkhäuser. Denn 1908 standen ja die Höfe der Remstedts und der Warnckes noch.


Erkennbar im Jugendstil gehalten ist das Doppelhaus Warnckesweg 25/27 (Bild 6). Den belgischen oder spanischen Jugendstil mit vollkommen floral aufgelösten Fassaden findet man jedoch in Deutschland fast nie. Die Hausecken des Doppelhauses 25/27 spielen stattdessen auf das klassische Tragen und Lasten durch „Säulen“ an. Diese Gliederung des Baukörpers durch an seinen Kanten angeordnete Glieder, die das Tragen und Lasten thematisieren, ist als architektonisches Universal-Konzept in der Renaissance entstanden. Eine Säule aber ist rund und hat unten eine Basis, oben ein Kapitell. Diese Ursprungsform ist also mehrfach verfremdet. Zunächst sind dort nur rechteckige Vorsprünge, sogenannte „Pilaster“. Sie zeigen unten durch Profile eine erhöhte Basis an – ein wichtiger Teil einer Säule. Oben hat eine echte Säule ein Kapitell. An seiner Stelle prangt hier ein Zierelement mit einem in streng stilisierte Blumen eingefügten Frauenkopf (Bild 7). Jugendstil spielte mit allen „Regeln“ der Architekturgliederung und verzierte mit seinen typischen floralen Elementen, wo er konnte! Gänzlich aufgelöst in stilisierte Zweige sind die Profile der Fenster im ersten Obergeschoss mit ihren Schwüngen und bunten Scheiben. Auch in den Balkongeländern und den Fensterbekrönungen herrschen stilisierte Blumen. Besonders sind schließlich die über weite Strecken frei durch die Luft geführten Balken des Dachüberstandes interpretiert – hier spielen englischer Landhausstil und Jugendstil sowie eine überbordende Fantasie von Cordes zusammen – vielleicht die größte Qualität des Entwurfes, da sehr eigenständig ausgeprägt. Und zwar sowohl künstlerisch als auch baukonstruktiv.
So entstand eine reizvolle, vielfältige Baugruppe anstelle des Bauernhauses: Gleichzeitig errichtete Häuser sind stilistisch so stark unterschieden, dass sie wirken, als sei die Baugruppe über mehrere Jahre gewachsen. Dies entspricht einer malerischen, pittoresken Vorstellung von Architektur und Städtebau aus der Jahrhundertwende – nicht „stillos“, sondern vielmehr besonders stilbewusst!

Groß Borstel zeigt solches häufig. Das Haus im Merkelweg 8 etwa weist noch um 1902 die Typologie eines Neo-Renaissance-Stadtpalasts auf. Solches würde man um 1880 in Harvestehude erwarten. Man sah sich daher zeitlich ziemlich frei. Cordes, der Architekt des Hauses Warnckesweg 25/27, entwarf und baute auch den Lokstedter Damm 47: Eine charmante Variante, die hinsichtlich des zurückgenommenen Dachüberstandes unentschieden wirken mag (Bild 8). Cordes geht es allerdings hier um abgestimmte Farben, Materialien, um perfekt komponiertes Ornament, um die Betonung der edlen Wirkung glasierter Kacheln. Groß Borstels Stil, der nach der Jahrhundertwende Einzug hielt, ist unkompliziert, verspielt, hat Spaß daran, einem dörflichen Stadtteil eine Villenprägung zu geben, die zugleich in ihrer Detaillierung nicht allzu akademisch daherkommen musste. Dem weiterhin ländlichen, parkartigen Charakter des gesamten Umfeldes gerecht werdend, antwortete nach 1900 eine Stilarchitektur mit Augenzwinkern.
Roman Hillmann

