Wer aufmerksam durch Groß Borstels Straßen geht, sieht mitunter immer wieder dieselben Leute. Einer fiel mir besonders auf, ein junger Mann im hellgrauen Trainingsanzug. Nicht sehr groß, nicht sehr schwer, aber sehr durchtrainiert. Mit einer federnden und unangestrengten Art zu laufen. Als ich ihm an einem Tag gleich dreimal begegnete, sprach ich ihn an: „Sie laufen wie ein Boxer.“

Er nahm seine Kopfhörer ab, ich musste die Frage wiederholen. Ja, er ist Boxer. Trainieren Sie auf einen bestimmten Kampf? Meisterschaftskampf am 8. April, Große Freiheit 36, 16 Uhr. Und wie ist Ihr Name? Sebastiano Lo Zito. Den Namen merkte ich mir, merkte mir das Datum und ging hin.

Lange Schlangen vor dem stadtbekannten Veranstaltungsort. Die Herren: Ausschließlich Boxfans, etliche sogar mit sichtbarer beruflicher Erfahrung im Boxsport. Viele junge Damen, einige vom Promoter Hooters geschickt, einer Bar aus der Großen Freiheit. Aber auch ältere Ehepaare. Echtes Milieu, ehrliches altes St. Pauli.

Ich hatte das Glück, einen Logenplatz zu ergattern. Genauso teuer wie Parkett, aber bessere Sicht. Neben mir Kiez-Urgestein Kalle Haverland mit blonder Begleitung. Hinter mir ein lautstarker Trainer mit Boxsportzögling, der, ebenfalls austrainiert, wohl auf seinen nächsten Kampf wartete oder die möglichen Gegner studierte. Und rechts neben mir Boxprominenz: Jürgen Blin mit Ehefrau, ehemaliger Europameister im Schwergewicht.

 

 

Hatte in den frühen Siebzigern sogar gegen Muhammad Ali gekämpft (und verloren). Besser also hätte die Kommentarlage nicht sein können.

Während der sympathische Blin in den wildesten Situationen äußerst gelassen blieb, Arm zärtlich schützend über den Schultern seiner Frau, Gesichtsausdruck: Habe ich alles schon tausendmal gesehen, kamen von hinten sachkundige Kommentare (laut): Rechtsherum! Führhand! Deckung hoch! Körper!

Die Vorkämpfe liefen über vier Runden. Nach der ersten Runde des ersten Kampfes war ich vollkommen außer Atem. Vom Zugucken! Wie kann man das nur über vier Runden schaffen?! Oder über acht? Und Lo Zito sollte 10 Runden kämpfen.

Als Lo Zito endlich dran kam, konnte ich vorläufige Bilanz ziehen: Vier Mineralwasser verbraucht, vier ansehnliche Kämpfe gesehen, einen aber im Schwergewicht mit einem Gegner der Marke Fallobst – der legte sich tatsächlich schon in der ersten Runde ohne erkennbare Schlagwirkung zur Ruhe, wurde aber von empörten Publikumspfiffen geweckt und hielt bis zur Aufgabe tatsächlich noch eine weitere Runde durch.

Jetzt aber Sebastiano Lo Zito. Der Hauptkampf des Abends. Deutsche Meisterschaft. Gegen Titelträger Roman Hardok aus Augsburg. Ein absolut unbequemer Gegner. Schnell, dominant. Extrem harte Hände, wie man hier so sagt. Lo Zito dagegen technisch feiner. Gute Beinarbeit, schnelle Reaktionen. Vorsichtig. Gentleman-like. Beide sehr fair und sportlich. Hardok mit härteren Treffern, Lo Zito jedoch punktete fast jede Runde. In der sechsten Runde TKO (technischer KO) durch unabsichtlichen Zusammenstoß der Köpfe. Hardok hatte einen tiefen Riss über der rechten Augenbraue davongetragen, konnte nicht mehr weiterboxen. Kampfabbruch und damit Titelgewinn für Sebastiano Lo Zito! Neuer deutscher Meister im Super-Mittelgewicht! Was so ein Training in Groß Borstel nicht alles möglich macht… Herzlichen Glückwunsch, lieber Sebastiano!

Übrigens, Sebastiano Lo Zito wohnt am Rande von Groß Borstel in Eppendorf, studiert Soziale Arbeit (schreibt gerade an seiner Bachelorarbeit) und arbeitet an verschiedenen Schulen mit Problemjugendlichen, die durch das Boxtraining mit ihm ruhiger, ausgeglichener und konzentrierter werden. Seinen Titel muss er innerhalb der nächsten neun Monate verteidigen. Wir wünschen ihm viel Erfolg: für die Titelverteidigung, für den Studienabschluss und für seine tolle Arbeit an den Schulen.

Uwe Schröder