Acht Meter
Simon Plitzko, Weitspringer aus Groß Borstel
Wie kommt man darauf, Weitspringer werden zu wollen?
Simon: Anfangs hat mich Leichtathletik nicht so sehr interessiert. Letztlich bin ich durch meinen Coach zur Leichtathletik gekommen. Erst habe ich gedacht, ich will lieber Fußball spielen, aber dann habe ich durch die Bundesjugendspiele und Schulwettkämpfe gesehen, dass ich in der Leichtathletik ganz gut bin. Ich habe früh Rekorde gebrochen im Weitsprung, im Sprint und in anderen Sachen. Und mit 15, 16 hat mir mein Coach gesagt: „Du bist Weitspringer.“
Wer war der Coach?
Das ist Mario Kral, unser Landestrainer.
In welchem Verein bist du?
Ich bin bei der TSG Bergedorf.
Das ist doch relativ weit weg.
Ja, aber ich trainiere hier in der Sporthalle Hamburg, ein Fußweg vom Rosenbrook, wo ich wohne.
Simon Plitzko ist 21 Jahre alt und mittlerweile Profi-Sportler. Sein Fachgebiet ist ausschließlich der Weitsprung. Er überspringt regelmäßig die acht Meter in Wettkämpfen. Als ich ihn interviewte, kam er von der Europameisterschaft in Birmingham zurück. Dort konnte er nach verletzungsbedingter Pause teilnehmen.
Wie war das für dich, an so einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen?
Das ist sozusagen der Höhepunkt, so etwas wie Wimbledon für uns Weitspringer. Das werde ich so schnell nicht vergessen, zusammen mit den erfahrenen Sportlern international weg zu sein.
Was sind die Schwierigkeiten beim Weitsprung?
Du brauchst Geschwindigkeit und Sprungkraft, und du musst zudem mental richtig eingestellt sein. Ich würde sagen, die Hochspringer trainieren mehr die Sprungkraft. Wir trainieren mehr den Sprint. Viele Läufe, viele Sprints. Meine Gruppe springt gar nicht mal so oft in der Woche. Wir machen viel mehr Sprint- und Krafttraining als Sprungtraining. Du musst auf der einen Seite die Geschwindigkeit drauf haben und auf der anderen Seite eine gewisse Höhe springen, um die Weite zu erzielen. Wir lernen gerade, dass wir tatsächlich nicht mehr so hoch springen, um dennoch Weite zu bekommen. Wir versuchen, das einfach nur über das Tempo zu lösen. Es gibt verschiedene Techniken, aber ich würde sagen: Für mich ist das, wie ich es jetzt mache, das Beste. So bin ich auch am wenigsten verletzungsanfällig. Im Vergleich zu anderen bin ich ein eher schneller und leichter Typ. Deswegen muss ich mein Tempo mitnehmen und nicht diese Kraftsache, bei der ich mich einfach mal reinstemme und nach oben springe oder versuche, durch Kraft in die Weite zu kommen. Das ist ja immer eine Technikfrage.
Früher war ich verletzungsanfälliger. Ich hatte das nicht so ernst genommen und mir gedacht: „Ok, ich bin doch gut genug, ich brauche doch kein Krafttraining.“ So bin ich da halt reingegangen. Ich habe mir einen Ermüdungsbruch in meinem Fuß geholt.
Wie ist das passiert?
2025 bei der Deutschen U23-Meisterschaft. Ich habe zwar Bronze gemacht, bin acht Meter gesprungen, ich habe aber im Finale nicht sauber auf dem Brett aufgesetzt. Bin etwas gerutscht und dabei ist mein Fuß etwas nach links gedreht. Da waren dann Schmerzen. Letztlich stellte sich heraus, dass der Bruch da war. Also musste ich Pause machen und die Erwachsenen-Deutsche Meisterschaft ausfallen lassen. In der Zeit habe ich die Reha gemacht.
Anmerkung: Simon ist in diesem Jahr verletzungsfrei geblieben und hatte insgesamt eine gute Saison, auch wenn seine persönlichen Ziele etwas höher gesteckt waren.
Und jetzt bist du wieder voll fit?
Ich habe dann im letzten Jahr Pause gemacht, das heißt: nur trainiert, keine Wettkämpfe. Bei den Deutschen Meisterschaften in Bochum bin ich dann acht Meter gesprungen und habe mich damit für meinen ersten internationalen Männer-Wettkampf in Birmingham qualifiziert. Ich bin dieses Jahr ja generell schneller geworden. Und bei dem Wettkampf hatten wir wie üblich drei Versuche. Davon bin ich zweimal übergetreten. Die beiden Sprünge hätten easy fürs Finale gereicht. Dann war der letzte Sprung ebenso ein Sicherheitssprung.



Welchen Platz hast du erreicht?
Das weiß ich gar nicht so genau. Ich weiß nur, dass ich nicht ins Finale gekommen bin. Ich glaube, das war Platz 21.
Hört man das die ganze Zeit im Kopf: „Ich darf nicht übertreten“?
Darauf sollte man sich überhaupt nicht fokussieren. Ich war bei der EM auch ganz entspannt. Wir haben das ja gut trainiert. Aber letztlich war doch ein bisschen zu viel Nachdenken am Ende. Da hat die Angst gegen mich gewonnen. Die Angst vorm Übertreten.
In diesem Jahr setze ich meinen Fokus voll und ganz auf die Meisterschaften im Herrenbereich. In der U23-Altersklasse bin ich Jahresbester im Weitsprung der Herren.
Für die nächsten Jahre hat Simon sich klare Ziele gesetzt:
• Medaille bei der U23-Europameisterschaft 2027
• Teilnahme an der Weltmeisterschaft der Erwachsenen 2027
• Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028
Dein Sport ist ja ein richtiger Beruf, der deinen Alltag ausfüllt.
Ja, ich habe mich dieses Jahr selbstständig gemacht, werde bezahlt von der TSG Bergedorf, von der Deutschen Sporthilfe und vom Team Hamburg, und nicht zu vergessen von der Sparkasse Holstein. Das ist der Sponsor unseres Vereins, der uns sehr gut unterstützt.
In der Leichtathletik ist es allerdings nicht leicht, Sponsoren zu finden. Die finanzielle Unterstützung ist wichtig, um langfristig Leistungssport betreiben zu können.



War das immer klar, dass du Sportler wirst?
Für mich war das immer klar, dass ich Sport machen möchte. Früher war das schon so: Wenn ich irgendetwas machen wollte, dann Sport. Also keine schwierige Entscheidung.
Und hast du keine Angst, dass du dich verletzt und dass du dann in Zukunft keinen Job mehr hast?
So denke ich gar nicht. Ich denke nur: Was ist, wenn es klappt? Aber selbst, wenn ich verletzt sein sollte und den Sport nicht mehr machen könnte, würde ich im Sport arbeiten, da würde sich was ergeben.
Könntest du dir vorstellen, für den Sport auch in eine andere Stadt zu ziehen?
Ich möchte auf jeden Fall in Hamburg bleiben, einfach weil ich hier ein super Team habe. Auch mein Freund Pascal Dau unterstützt mich. Ich habe ein Management, einen Mentaltrainer, einen Coach, den ich nie verlassen werde und der hoffentlich auch nicht frühzeitig aufhört mit seinem Job. Die haben alle viel für mich getan. Da kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, in eine andere Stadt zu gehen.
Wer ist dein Mentalcoach?
Das ist Frank Hörhold, das ist auch mein Nachbar hier in Groß Borstel. Der war früher mein Lehrer und hat mich unterstützt. Ich hatte keine leichte Kindheit. Probleme in der Familie, Probleme mit Depressionen. Frank hat mich in der Schule dann immer beiseite genommen, in den Schulpausen mit mir zusammengesessen und hat mich neu fokussiert. Durch ihn bin ich aus meinem Depri-Eck herausgekommen. Die Depressionen sind ja jetzt gar kein Teil meines Lebens mehr. Das ist super.
Was wünschst du dir für die Leichtathletik oder speziell für den Weitsprung in Hamburg?
Zunächst einmal werde ich ja sehr gut unterstützt von unserem Verband, von unserer Stadt. Aber es ist immer noch eine Randsportart. Ich habe das Gefühl, wir werden nicht wirklich gesehen. Wir müssten also mehr machen, um gesehen zu werden. Die Stadt hat es ja versucht mit Olympia, aber das hat leider nicht geklappt. Vielleicht bekommen wir trotzdem ein Leichtathletik-Stadion mit ausreichend Zuschauerplätzen. Oder wir verlegen Wettbewerbe an die Alster oder an die Elbe, wo viele Leute zugucken können, für mehr Wertschätzung unserer Sportarten.
Wie lange wohnst du in Groß Borstel?
Ich bin seit Februar hier. Durch die Empfehlung von Freunden, die mir gesagt haben, dass im Rosenbrook eine Wohnung frei wird. Von Groß Borstel habe ich leider noch nicht so viel mitbekommen. Ich habe auch noch nicht viele Menschen kennengelernt, aber die, die ich kennengelernt habe, waren alle super lieb. Ich finde es sehr schön hier.
Gehst du auch häufig joggen? Das Eppendorfer Moor liegt ja in direkter Nähe.
Joggen mach ich tatsächlich nicht. Aber ich gehe sehr oft spazieren. Ich liebe es, in die Natur zu gehen, weil mich das im Kopf beruhigt. Etwa wenn ich vor einem Wettkampf aufgeregt bin. Dann spaziere ich am Mühlenteich oder am Eppendorfer Moor.
Fotos und Interview: Uwe Schröder
Weitsprungrekorde (Männer)
Hamburg: 8,34 m, 01.07.2012, Sebastian Bayer
Deutschland: 8,29 m, 26.07.2026, Simon Batz (Mannheim)
Europa: 8,86 m, 22.05.1987, Robert Emmijan (Armenien)
Welt: 8,95 m, 30.08.1991, Mike Powell (USA)
Weitsprungrekorde (Frauen)
Hamburg: 6,68 m, 26.01.2014, Nadja Käther (in der Halle)
Deutschland: 7,48 m, 09.07.1988, Heike Drechsler (leichter Rückenwind)
Europa: 7,52m, 11.06.1988, Galina Tschistjakowa (UdSSR), gleichzeitig noch bestehender Weltrekord
Größte Erfolge von Simon Plitzko
• 3× Gold und 1× Silber bei den Deutschen U20-Meisterschaften
• 2× Gold bei den Deutschen U23-Meisterschaften
• 2× Bronze bei den Deutschen Meisterschaften der Erwachsenen
• 5. Platz bei den U20-Weltmeisterschaften
• 8. Platz bei den U18-Europameisterschaften

