Der Warnckesweg.
Teil 2: Wie Wegeführung und Architektur vor 1900 zusammenwirkten
Groß Borstel ist hinsichtlich der Anlage seiner Straßen ein höchst bemerkenswerter Stadtteil. Denn er ist aus einer dörflichen Struktur mit wohlhabenden Bauernhöfen entstanden, in der 1703 ein Herrenhaus, das heutige „Stavenhagenhaus“ erbaut wurde und private Parks entstanden. Es gab eher wenige Straßen mit geradem Verlauf und villenartiger Bebauung, der vor der Jahrhundertwende (um 1900) üblichen Form der „Grundstücksentwicklung“ – Bebauungsformen, wie in Harvestehude: entstanden aus der weitgehend regelmäßigen Aufteilung von Parzellen, die dann in Fluchten, parallel zur Straße, bebaut wurden. In Groß Borstel gibt es davon einzelne, in das gewachsene Netz eingespannte Straßen, wie der Merckelweg, die Brückwiesenstraße oder den Holunderweg, die nach 1900 und bis zum Ersten Weltkrieg ihre Form erhielten. Der Warnckesweg hingegen vertritt die Regel für Groß Borstel. – Er ist Teil der gewachsenen Dorfstruktur. Dieser zweite Artikelteil beruht auf dem Studium von alten Stadtplänen, Postkarten und auf der Lektüre der „Kollauer Chronik“ von Adolph Hansen und Rudolf Sottorf.

Am Warnckesweg standen im 19. Jahrhundert mehrere schön gestaltete Bauernhäuser in Folge, davon drei Höfe mit wichtiger, den Straßenraum formender Stellung. Deren Bauten waren, anders als in Straßendörfern, nicht einfach traufständig oder giebelständig und parallel zur Straße positioniert. Im Warnckesweg reagierten sie auf den geschwungenen Verlauf, ermöglichten Blickachsen und wirkten expressiv in den Straßenraum.
Wie bewegte man sich in dieser Gestaltung? Die Weite des Warnckeswegs im Umfeld der etwa um 1800 angelegten Borsteler Chaussee hat damit zu tun, dass diese hier bis etwa 1970 hammerartig endete. Als Haupterschließungsstraße Groß Borstels erforderte ihr rechtwinkliges Umknicken nach Osten einen weiten Raum. Die Häuser an der Nordseite, Warnckesweg 4, 6 und 8, sind zurückgestaffelt, öffnen so den Raum zum Borsteler Bogen hin trichterförmig, entsprechend der Verkehrsführung. Die Bebauung war reizvoll, und wirkte wie ein Dorfanger.
Der Warnckesweg ist soweit in seinem Auftakt aus zwei Faktoren zu erklären: Aus der Anlage des Frustbergparks mit dem Herrenhaus und aus der tangentialen Heranführung der Borsteler Chaussee an diese Figur sowie die Einführung in den Borsteler Bogen. Der reizvolle Schwung einer langen S-Kurve, den der Warnckesweg nach Einmündung des Lokstedter Damms macht, wurde im vorangehenden Artikel aus der Lage des Straßenabschnitts zwischen zwei Moorinseln hergeleitet. Die Aufteilung von ursprünglich im nassen Teil des Moores liegenden Straßenführungen und den „inselartigen“ festen Teilen fanden nun eine bauliche Fassung, denn bereits in der Karte von 1701 erkennt man, wie die beginnende Bebauung mit Bauernhöfen die Moorinseln auch eigentumsrechtlich festigte.
Einer der wichtigsten Höfe war der der Familie Remstedt, der im Bereich der Einmündung des heutigen Ortleppwegs gestanden hat und sich bis zum Borsteler Bogen erstreckte. Die Familie hatte seit 1654 sechs Generationen über das Grundstück verfügt. Jürgen Remstedt und seine Frau Gesa ließen hier 1801 ein durchaus opulentes Fachwerkhaus errichten. Es standen insgesamt drei Bauten gestaffelt und im rechten Winkel zueinander, die – so wie schon die Häuser Nr. 4,6,8 – in den Borsteler Bogen überleiten. Die großzügige Staffelung der Remstedts ließ allerdings noch Hofflächen frei, die durch die Häuser eingefasst wirkten. Der Hauptbau stand in einem leicht spitzen Winkel zur Straßenführung: So kommt es, dass man, von der Chaussee kommend, markant auf die Giebelfront hingeführt wurde. Sie muss von Weiten gewirkt haben, als stünde sie in der Flucht der Straße. Erst beim Weiterfahren wurde man um sie herumgeführt.
Um heute nachzuvollziehen, welchen Reiz der Warnckesweg in diesem Bereich hatte, ist es eine wunderbare Fügung, dass sich zwei Postkarten zweier Bauernhäuser, beide photographiert aus Richtung Chaussee, erhalten haben. Die eine, bereits besprochene, zeigte den Hof Remstedt. Auf der zweiten schaut man von der Ecke Lokstedter Damm nach Westen und erkennt in Bildmitte ein Bauernhaus mit Fachwerk und einem Krüppelwalm, der mit Reet gedeckt ist. Es handelte sich um den Wullenweber´sche Hof, errichtet 1795 von Hans und Lena Wullenweber. Man beachte dabei die Gestaltung des Zierfachwerks mit sternförmiger Bildung beidseits des Scheunentors, sowie die hochliegenden Fenster, die der Fassade eine klare Symmetrie geben. Der Straßenverlauf des Warnckesweg scheint dem Bauernhaus auszuweichen – auch hier erst, nachdem man eine Weile lang direkt auf seine Schaufront zulief. Dieser Bau hatte mit Ausnahme des Krüppelwalms eine sehr ähnliche Giebelgestaltung, wie die des Hofs Remstedt. Da nun beide Postkarten aus derselben Richtung fotografiert wurden, kann man nachvollziehen, dass beide Bauten gestalterisch aufeinander reagierten, womöglich waren sie vom selben Baumeister errichtet worden. Für den Wanderer muss das sehr reizvoll gewesen sein: Man lief von der Borsteler Chaussee kommend in den Warnckesweg, und blickte von der Straße aus einmal rechterhand auf eine wohlgestaltete Giebelfront mit Zierfachwerk und eine Weile später positionierte sich links ein weiteres Bauernhaus mit einer sehr ähnlichen aber pointiert variierten Giebelfront.
Die trichterförmige Rückstaffelung an der Nordseite des Warnckesweg, beidseits der Straße „Borsteler Bogen“ sowie die beiden aufeinander reagierenden Giebel waren städtebaulich sogar wirkungsvoller, als der Blick auf das abgerückt stehende Stavenhagenhaus. Anscheinend repräsentierten die reichen Bauern bewusst in den öffentlichen Straßenraum, wohingegen die reichen Kaufläute als Bauherren des Herrenhauses (des heutigen Stavenhagenhauses), eher für ihre ausgewählten Gäste repräsentierten.
Der Wullenweber´sche Hof ist um 1900 gefallen, der ausgezeichnet erhaltene und 1907 durch den Gerbstofffabrikaten Richard und seine Frau Paula Blau renovierte Remstedt-Hof wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beseitigt. Drei Torsteine, direkt am Trottoire und im Gebüsch nahe der Abzweigung Ortleppweg, sind heute die letzten Überbleibsel des Remstedt-Hofes. Die Rückstaffelung zum Borsteler Bogen hin ist in den Bauten Warnckesweg 2, 4, 8 sowie durch die Schrägstellung des Hauses Borsteler Bogen 1 in neuer Architektur nachempfunden.
Am Ende des Warnckesweg stand schließlich der Hof der Bauernfamilie Warncke mit dem 1768 errichteten Hauptbau. Die Straße fluchtete frontal auf seine Schauseite und erhielt 1864 „von Amtswegen“ den Namen der Familie. Der Name ist ein würdiger, den die Warnckes wirkten über mindestens 10 Generationen an der wirtschaftlichen und baulichen Entwicklung des Stadtteils mit. Dabei ist speziell, dass die Stammhalter zwischen 1603 und 1849 immer Hans hießen – 8 Hans Warncke in Folge! So ist es erfreulich, dass die Straße nach keinem Hans Warncke benannt ist, sondern amtlich „nach der Halbhufnerfamilie“ Warncke. Denn es gab ja schließlich jeweils zwei Eheleute und auf dem Spruchbrett des Hauses stand folgerichtig: „Anno 1768 Hat Hans Warncke Und Gesa Warncke Dieses Haus Bauen Lassen“.
Dass der Straßenverlauf gerade auf die Giebelfront des Hofes zulief, und dann scharf in die Brückwiesenstraße umknickte, ist gestalterisch bemerkenswert. Es war der dritte repräsentative Fachwerk-Giebel, auf den man im Straßenverlauf bewusst geführt wurde. Kein Bild hat sich vom Hof erhalten. Man kann seine Ästhetik nachempfinden, denn in der Flucht steht das Haus Brückwiesenstraße 33, allerdings nicht rechtwinklig zum Warnckesweg, wie das Bauernhaus vor ihm. Malerisch muss bis 1905 gewirkt haben, dass links vom Bauernhaus ein Weg weiter in die urbaren Wiesen an der Tarpenbek führte. Ein Ölbild im Stavenhagenhaus, das die Borsteler Straße „In der Masch“ darstellt, zeigt eine ähnliche Gestaltung, wie sie Brückwiesenstraße Ecke Warnckesweg bestanden haben muss:




