Liebe Borstelerinnen, liebe Borsteler,

gestern Abend Deutschland – Curacao: 7 – 1!  Fifa Weltmeisterschaft in USA, Kanada, Mexico, politisch mehr als schwierig von Donald Trump bis Gianni Infantino. Trotzdem geguckt, trotzdem gefiebert, trotzdem die Arme hoch gerissen bei jedem Tor für „unsere Jungs“.

Was ist das? Patriotismus? Und wenn ja, was für ein Patriotismus? Ist es Patriotismus, wenn ich mich in Groß Borstel zu Hause fühle? Als ein Teil von Hamburg, seit 59 Jahren meine „Heimat“? Mich als Deutsche begreife, weil ich und meine Familie in diesem Land geboren, aufgewachsen und verwurzelt sind? Ich mich aber genauso als Europäerin fühle. Europas meiste Länder konnte ich schon einmal kennenlernen, von Europas Sprachen spreche ich außer Deutsch zwei ganz gut und zwei, na ja? Wo ich als Jugendliche das erste Baguette, das erste Glas Rosé aber auch die ersten Antipasti genossen habe? Wir wissen, dass die Erfahrungen in der Jugend emotional stark verankert sind und uns ein Leben lang prägen.

Man liebt das, was man kennt. Und auch, wenn man das, was man kennt, nicht immer liebt – auf Familien- und andere Dramen aus der eigenen Geschichte sei hier verwiesen – so sind einem die darunter liegenden Beweggründe und Beziehungsmuster aus lebenslanger Erfahrung doch intuitiv vertraut. Die „Codes“ in Sprache, Mimik, Gesten, Humor, Vorlieben und Abneigungen kennt man in seinem Umfeld und seinem Kulturkreis. Doch, hoppla, manchmal ist der Kulturkreis winzig klein, so klein, dass man sich schon innerhalb derselben Familie nicht mehr versteht. Dazu muss der angeheiratete Onkel nicht mal aus Bayern oder Sachsen kommen – auch zwischen Dorf und Großstadt, zwischen den Jugendjahren vor oder nach 1968 oder zwischen denen vor und nach 2000 liegen oft Welten.

Und erst recht zwischen noch weiter auseinander liegenden Kulturen. Die Menschen aus aller Welt erleben wir via Internet und TV indirekt täglich auf dem sicheren Sofa, aber auch beim Einkaufen in der Stadt. Wir lernen sie ein bisschen kennen. Aber wir haben keine gemeinsame Prägung, also müssen wir ihre „Codes“ erst lernen. Das ist für viele von uns anstrengend. Für die junge Generation, die in Kita und Schule gemeinsame Erfahrungen miteinander leben, ist es   selbstverständlicher.

Bei „unseren Jungs“ scheint das gut zu klappen, generell scheint der Sport, und speziell der Mannschafts-Sport besonders geeignet, die Unterschiedlichkeit von Menschen nicht als störend, sondern als bereichernd zu begreifen und zu nutzen. Um gemeinsam etwas zu gestalten, zu schaffen. Durchaus im Wettbewerb um das beste Ergebnis. Aber nicht in Abgrenzung und gar Feindschaft gegen die Mannschaft, die für die Bewohner eines anderen geografischen Landes startet. Das war gestern Abend herzerfrischend: Wie die blaue Welle der Zuschauer aus Curacao, diesem Zwergstaat mit der Einwohnerzahl von Paderborn, trotz der Niederlage 7 – 1 lachten und feierten, weil sie es geschafft haben, bei der Weltmeisterschaft dabei zu sein. Das ist ein wunderbarer Patriotismus!

Ich wünsche uns einen sonnigen Sommer – drinnen und draußen! Wir sehen uns am 30. August beim Stadtteilfest und ab September wieder im Stavenhagenhaus zu den gewohnten Anlässen!

Herzlich Ihre Ulrike Zeising