Vögel in und um Groß Borstel

Der Habicht

Der Habicht (Accipiter gentilis) ist ein Greifvogel aus der Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich wie ein breiter Gürtel von Europa über das nördliche Asien bis nach Nordamerika. Der Bestand in Europa wird auf 185.000, in Deutschland auf 11.500 bis 14.500 und in Hamburg auf mindestens 70 Brutpaare geschätzt. 

Junger Habicht

Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden Habichte in Europa von Jägern und Kleintierzüchtern intensiv verfolgt, da die Greifvögel häufig Nutztiere wie Jagdfasane, Hausgeflügel und Brieftauben erbeuteten. Aber nachdem Habichte Anfang der 1970er Jahre unter strengen Schutz gestellt wurden, konnten sich die Bestände in Deutschland sowie anderen Teilen Europas wieder deutlich erholen. 

Als Lebensraum bevorzugen Habichte abwechslungsreiche Landschaften. Für den Bau ihrer großen Nester wählen sie hohe alte Bäume in größeren Nadel- und Mischwäldern. Entgegen seinem früheren Ruf als scheuer Waldbewohner mauserte sich der Habicht inzwischen zu einem wahren Opportunisten. Denn er hat gelernt, dass nicht nur im Wald, auf Feldern und anderen offenen Landschaften, sondern auch in Städten – wegen der großen Zahl an Ringel- und Straßentauben, Elstern und Krähen – erfolgreich Beutetiere gegriffen werden können. So „bewohnt“ der Habicht in Deutschland mittlerweile die Städte Hamburg, Berlin, Köln und Dresden sowie im europäischen Ausland die Metropolen Amsterdam, Kiew, Moskau und Riga. Dabei unternimmt er hier sogar Jagdflüge in belebte Straßen und stark frequentierte Fußgängerzonen.

In unserer Hansestadt brüteten die ersten Habichte in den 1980er Jahren. 30 Jahre später gab es hier bereits 60 Brutreviere mit steigender Tendenz. Brutgebiete sind vor allem Wälder wie Harburger Berge und Klövensteen. Aber auch im Volkspark, Wohldorfer Wald, Duvenstedter Brook, Niendorfer Gehege, Eppendorfer Moor, Stadtpark und Ohlsdorfer Friedhof leben einzelne Brutpaare. 

Zurzeit gelten die deutschen Bestände als stabil – lediglich in Bayern steht der Habicht auf der roten Liste gefährdeter Vogelarten.

Habichte sind stämmige Greifvögel. Die Weibchen können mit einer Körperlänge von 58-64 cm fast so groß wie Bussarde (Groß Borsteler Bote 12/2021) werden, während Männchen mit einer Länge von 49-56 cm eher die Größe von Sperbern (Groß Borsteler Bote 10/2022) haben, mit denen sie mitunter verwechselt werden.

Die Körperoberseite adulter männlicher Vögel zeigt sich blaugrau, die der Weibchen eher graubraun. Die Unterseite ist auf hellem Grund quer grau gebändert. Die Augen der Männchen sind orange bis rot, die der Weibchen gelb bis orange. Ein heller Überaugenstreif zeigt sich beim Männchen deutlicher ausgeprägt als beim Weibchen. Die Flügel sind recht kurz und breit, der Schwanz ist relativ lang. Dies sorgt für eine große Wendigkeit bei der Verfolgung von Beutetieren auch in engem Gelände. Die Beine präsentieren sich ebenso wie die Wachshaut des Schnabels in gelber Farbe. Das Jugendkleid des Habichts weist auf der Brust tropfenförmige schwarze Strichel auf beigem Grund auf. 

Die Rufe der Habichte sind vor allem in Horstnähe zu hören, am häufigsten ein scharfes „gik-gik-gik“. Der Kontaktruf zwischen den Partnern  ertönt als ein eher unauffälliges „gjak“ und geht zum Beispiel der Beuteübergabe oder der Brutablösung voraus. Auffällig sind die oft wiederholten Bettelrufe der Jungvögel nach dem Ausfliegen, die wie „hiiiiäh“ oder auch „klijäh“ klingen und als „lahnen“ bezeichnet werden.

Habichte jagen ihre Beutetiere überwiegend in bodennahem Flug oder vom Ansitz aus in schnellen, wendigen Verfolgungsflügen und ergreifen sie entweder vom Boden oder im bodennahen Luftraum. Dabei ernähren sich Habichte hauptsächlich von kleinen bis mittelgroßen Vögeln und Säugetieren. Die Beute wird mit den langen kräftigen Zehen am Kopf oder Hals ergriffen und so erdrosselt oder erstickt.  

Habichte leben monogam und streng territorial. Dringen fremde Artgenossen in das Revier ein, werden sie durch Rufe und Annäherungsflüge vertrieben. Zu Körperkontakten kommt es dabei zwischen Habichten nur selten.

In Deutschland sind Habichte Standvögel, ziehen also nicht. Sie bauen ihre im Durchmesser bis zu eineinhalb Meter großen Horste ausschließlich in Bäumen, die mindestens ungefähr 60 Jahre alt sind. Habichte legen über die Jahre im Brutrevier mehrere Horste an, die abwechselnd genutzt werden. Mit Beginn der Balz etwa Anfang Februar wird der zur Brut ausgewählte Horst mit grünen Zweigen erhöht und diese „Begrünung“ fortgesetzt bis ins Nestlingsalter.

Habichte haben nur eine Jahresbrut, die zwischen Mitte März und  Mitte April beginnt. Die Gelege bestehen aus zwei bis vier blassblauen Eiern, die überwiegend vom Weibchen etwa 38 Tage lang bebrütet werden. Die Jungen sind Nesthocker und weisen zunächst ein helles Dunenkleid auf. Während der etwa 42 Tage dauernden Nestlingszeit werden die Jungen vom Weibchen gehudert sowie  vor Feinden beschützt. Während dieser Zeit sorgt das Männchen für die Nahrungsbeschaffung. Ungefähr drei Wochen später wird es dabei vom Weibchen unterstützt.

Zwei junge Habichte Ästlinge

Die Jungvögel sind nach etwa dreieinhalb Monaten flügge. Dann bleiben sie nur noch kurz Teil der Habichtsfamilie, bevor sie auf der Suche nach einem eigenen Revier ausfliegen.

Fressfeinde insbesondere der jungen Habichte sind Uhus, Kolkraben, Marder und Waschbären. Die Lebenserwartung der Habichte liegt zwischen 20 und 25 Jahren.

Da Habichte schon in der Vergangenheit auch Hausgeflügel erbeuteten, hat der Volksmund ihnen Namen gegeben wie „Stoßvogel“, „Stoßfalk“, „Hühnerräuber“, „Hühnerfresser“, „Hühnerhabicht“, „Hühnergeier“, „Hennenhacht“ und sogar „Geflügelter Teufel“. Außerdem entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte abergläubische Praktiken und Rituale, die den Habicht fernhalten sollten. Ähnlich wie auch für Eulenvögel überliefert, sollte ein erlegter und an der Stalltür aufgehängter Habicht den Hof vor Hexen und Greifvögeln schützen.

In Westfalen ließ man am Karfreitag Hühner durch einen hölzernen Reifen laufen oder verstreute Teile der auf dem Ostertisch stehenden Speisen rund um das Haus und sagte dazu folgenden Spruch auf:

Habicht, Habicht,

hier gebe ich dir ein Osterlamm,

friss mir keine Hühner auf.

Text und Fotos:

Michael Rudolph