Vögel in Groß Borstel

Der Gelbspötter

Der Gelbspötter (Hippolais icterina) ist ein Vogel aus der Familie der Rohsängerartigen (Acrocephalidae) und der Gattung der Spötter (Hippolais). Mit einer Körperlänge von 11,5 bis 13 cm präsentiert er sich deutlich kleiner als ein Haussperling und mit einem Gewicht von 11 bis 19 Gramm nur etwa halb so schwer. Im Gegensatz zu anderen Spöttern zeigt er eine auffällige Färbung. Dabei fallen insbesondere die hellgelbe Körperunterseite, aber auch die bräunlich-olivgrüne Oberseite mit einem hellen Flügelfeld und das blassgelbe Augenumfeld auf. Die Vögel haben einen recht großen Kopf, einen eher kräftigen Schnabel, lange Flügel und einen eher kurzen Schwanz. Das Jugendkleid ist an der Oberseite braungrau und an der Unterseite blasser gelb gefärbt. Die Geschlechter weisen keine optischen Unterschiede auf.

Gelbspötter sind in nahezu ganz Europa verbreitet. Der Bestand in Deutschland wird auf 100.000 bis 150.000 Brutpaare geschätzt und gilt als nicht gefährdet. In Hamburg stellt sich die Situation allerdings anders dar. So war der Vogel hier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Gärten und Parks weit verbreitet und galt stellenweise sogar als recht häufig. Jedoch haben die Gelbspötter in den letzten 50 bis 60 Jahren im Stadtgebiet etwa 30 Prozent ihres Brutgebietes aufgegeben.

Vor allem hat die Umwandlung von Nutz- in Ziergärten zur Verdrängung des Vogels aus der Stadt beigetragen. Der Bestand in Hamburg wird jetzt auf etwa 900 Brutpaare geschätzt. Hier brüten die Gelbspötter vor allem in verwilderten Gärten und dichten Gebüschen an Wegen und Knicks. Aus der inneren Stadt verschwanden sie jedoch fast völlig. In Groß Borstel sind Brutvorkommen vor allem in Kleingärten und Gebüschen am Flughafenrand festgestellt worden.

Gelbspötter tragen ihren Gesang energisch und sehr variantenreich vor. Dabei bauen sie in die Mischung melodischer und schriller Töne auch Gesangselemente anderer Vogelarten aus ihrer Umgebung ein – wie Kiebitz, Austernfischer, Waldkauz, Braunkehlchen und Amsel. Da „spotten“ auch bedeutet, jemanden nachzuahmen, hat hier der Name des Gelbspötters seinen Ursprung.

Der Ruf des Vogels klingt wie „tä tä tä“ und „hüid“.

Ihre Nahrung besteht überwiegend aus Insekten und Spinnentieren, die meist von Blättern und Zweigen aufgepickt, seltener im Flug erbeutet werden. Darüber hinaus stehen Schnecken und Regenwürmer – sowie manchmal auch Beeren und andere Früchte – auf ihrem Speiseplan.

Gelbspötter sind nächtliche Langstreckenzieher. Sie überwintern in Afrika südlich des Äquators.

In den Brutgebieten Mitteleuropas sind sie daher nur von Ende April bis Ende August anzutreffen.

Der Heimzug aus den Überwinterungsgebieten beginnt Ende April und endet etwa Anfang Juni.

Die Männchen erreichen durchschnittlich sieben Tage früher als die Weibchen ihre Ziele in Mitteleuropa und besetzen gleich nach ihrer Ankunft geeignete Brutgebiete.

Gelbspötter führen eine monogame Brutsaison-Ehe. Für den Nestbau bevorzugen die Vögel Auwälder, feuchte Laubwälder, Knicks, Parks und Gärten mit dichten Gebüschen. Den Neststandort bestimmt das Weibchen. Der napfförmige „Kinderhort“ wird in ein bis sechs Meter Höhe allein vom Weibchen in versteckte spitzwinklige Astgabeln gebaut. Das Männchen hilft lediglich, indem es Baumaterial heranschafft. Die Auskleidung des Nestes erfolgt mit feinen Pflanzenfasern, Tierhaaren sowie Federn und es wird gestützt durch kleine Zweige, die das Weibchen in die Nestwand einarbeitet.

In Mitteleuropa beginnt die Eiablage – je nach geografischer Lage – zwischen Ende April und Mitte Mai. Letzte Gelege erfolgen Ende Juli. Zweitbruten kommen nur sehr selten vor. Das Gelege besteht in der Regel aus vier bis fünf Eiern, die auf rosarotem Grund dunkelbraune bis schwarze Punkte aufweisen. Die Brutzeit beträgt 12 bis 14 Tage, wobei nur das Weibchen brütet. Beide Eltern füttern die Jungvögel, die nach 13 bis 16 Tagen das Nest verlassen. Noch etwa acht bis elf Tage werden sie von den Eltern geführt und mit Nahrung versorgt. Ihre Geschlechtsreife erreichen die Vögel Ende des ersten Lebensjahres.

Gelbspötter werden etwa fünf Jahre alt. Das höchste nachgewiesene Alter beträgt 10 Jahre. Feinde sind Eichhörnchen, Greifvögel, Eulen, Rabenvögel und Marder. Untersuchungen haben gezeigt, dass nur etwa die Hälfte der Jungvögel das erste Lebensjahr übersteht.

Gelbspötter haben durch ihren markanten Gesang und ihre Präsenz Menschen stets inspiriert. Sie sind in der Literatur ein Symbol für die Natur sowie den Frühling. Der Schriftsteller Hermann Hesse widmete ihnen das Gedicht „Der Gelbspötter“:

Gelbspötter, du gelber Sänger,

Wie Du singst, so süß und klar!

Dein Gesang ist wie der Frühling,

Der die Seele neu gebar.

Text und Fotos:

Michael Rudolph