Vögel in Groß Borstel
Die Rotdrossel

Passend zum Jahresstart betrachten wir einen Wintergast, der sich in Deutschland grundsätzlich nur in der Zeit von Oktober bis März beobachten lässt: die Rotdrossel (Turdus iliacus).
Das zierliche Tier hat seinen Brutplatz in den nördlichen Regionen Europas und in Russland. Es ist ein Zugvogel, der im Winterhalbjahr bei uns meist in größeren Trupps auftritt und sich gerne mit den deutlich größeren Wacholderdrosseln vergesellschaftet. Entdeckt man einen Trupp von diesen, lohnt sich also ein genaues Hinschauen, ob kleinere Vögel darunter sind – bei denen es sich meist um Rotdrosseln handelt.
Die Art gehört zur Familie der Drosseln (Turdidae) und hier zur Gattung der „Echten Drosseln“ (Turdus). Zu der zählen in Europa auch die Singdrossel (Groß Borsteler Bote April 2024), die Misteldrossel (Groß Borsteler Bote Mai 2024), die Wacholderdrossel (Groß Borsteler Bote Juni 2024) und die Amsel (Groß Borsteler Bote Juli/August 2024).
Dabei ist die Rotdrossel mit ihrer Körperlänge von 21 Zentimetern und einer Flügelspannweite von 33 bis 34 Zentimetern auf unserem Kontinent der kleinste Vertreter dieser Gattung.
Die Vögel zeigen eine dunkelbraune Oberseite, einen weißen, braun gefleckten und gestrichelten Bauch, einen weißen Überaugen- und Bartstreif sowie einen schwarzen Schnabel mit gelber Basis. Ihr auffälligstes Unterscheidungsmerkmal ist die namensgebende rostrote Färbung auf den Flanken, die sich auch im Flug sehr gut erkennen lässt. Die Geschlechter sind kaum voneinander zu unterscheiden, die Weibchen werden lediglich etwas größer als die Männchen. Die Jungvögel der Rotdrossel zeigen eine matter gefärbte braune Oberseite, die helle Striche aufweist.
Der Flug- und Zugruf der Rotdrosseln erklingt als ein lang gezogenes „Ziiieh“, vor allem beim Abflug und nächtlichen Zugruf hörbar. Da ihr sehr variabler Gesang fast ausschließlich in der Brutzeit zu hören ist, ist es unwahrscheinlich, ihn in Deutschland zu Ohren zu bekommen.
Die Brutgebiete der Rotdrosseln sind vor allem aufgelockerte Nadel-, Erlen- und Birkenwälder am Rande der Tundra, aber auch die Parks und das offene Waldland Skandinaviens und Sibiriens. Hier zählen sie zu den häufigsten Brutvögeln. In Deutschlands Wäldern wurden bisher nur wenige Bruten bzw. Brutversuche der Rotdrosseln bekannt, in Hamburg sogar keine. Einen Nachweis für die erste Brut in Deutschland gab es im Jahr 1866 in Sachsen-Anhalt.
Die Brutzeit der Rotdrosseln beginnt im Süden ihres Verbreitungsgebietes etwa Ende April bis Anfang Mai, im äußersten Norden erst im Juni oder sogar Juli.
Die Nester werden in unterschiedlicher Höhe am Boden, im Gebüsch oder in Bäumen gebaut. Sie ähneln einem halbkugeligen Napf, den die Vögel aus feinem Reisig, Gras, Moos sowie feuchtem Erdreich bauen und mit feinen Gräsern auspolstern.
Rotdrosseln haben bis zu zwei Bruten pro Jahr. Das Gelege besteht in der Regel aus vier bis fünf spindelförmigen Eiern, die auf hellem, grünlichblauen Grund rotbraune Flecken oder Marmorierungen aufweisen. Es brütet nur das Weibchen.
Nach elf bis dreizehn Tagen schlüpfen die Jungen und werden von beiden Elternteilen gefüttert. Obwohl noch nicht flügge, verlassen sie nach neun bis zwölf Tagen das Nest und verstecken sich im nahe gelegenen Kraut, wo ihre „Erziehungsberechtigten“ sie weiter versorgen.

Nachdem die jungen Rotdrosseln flügge geworden und ausgeflogen sind, bleiben sie noch einige Wochen als Familienverband mit ihren Eltern zusammen.

Es gibt Schätzungen, nach denen etwa die Hälfte der Jungvögel den ersten Winter nicht übersteht. Die Lebenserwartung der Vögel liegt bei etwa fünf Jahren. Das höchste durch Beringung nachgewiesene Alter einer Rotdrossel beträgt stolze 18 Jahre.
Während der Brutzeit ernähren sich die Tiere von diversen Insekten, Spinnen, Würmern und Schnecken; im Herbst und Winter von Sämereien, Beeren und anderen Früchten. Wenn Sie also einen naturnahen Garten mit möglichst vielen beerentragenden Sträuchern anlegen, erhöhen Sie die Chance, geflügelte Wintergäste bei sich als Gartengäste begrüßen und beobachten zu können.
In Deutschland gilt die Rotdrossel als nicht gefährdet. Ihr hiesiger Bestand ist nicht bekannt, der europäische wird auf 16 – 21 Millionen Brutpaare geschätzt.
Manchmal wird dieser gefiederte Freund auch als „Finnische Drossel“ bezeichnet, da Finnland einen besonders hohen und ungefährdeten Bestand von fast zweieinhalb Millionen Brutpaaren dieses hübschen Vogels aufweist.
In traditionellen finnischen Liedern und Gedichten tritt die Rotdrossel oft als Symbol für den Frühling und die Rückkehr der Vögel aus den Überwinterungsgebieten auf. So schrieb zum Beispiel der finnische Komponist Jean Sibelius ein Musikstück, das die Melodie des Vogels wundervoll nachahmt.
In alter Vogelliteratur sind für die Rotdrossel auch noch die nicht mehr verwendeten Namen „Pfeifdrossel“ und „Weißdrossel“ zu finden.
Text und Fotos:
Michael Rudolph

