Schlaue Köpfe im Stavenhagenhaus

Mitte November war im Stavenhagenhaus die beste deutsche Schachspielerin zu Gast. Elisabeth Pähtz gewann schon mit 14 Jahren die Deutsche Meisterschaft der Frauen und war damit die jüngste deutsche Landesmeisterin aller Zeiten. Bei internationalen Jugendmeisterschaften gewann sie als Zehnjährige die Vizeweltmeisterschaft und die Vizeeuropameisterschaft, später die U18-Weltmeisterschaft und die U20-Weltmeisterschaft der Mädchen. Das Schachgen ist in der Familie Pähtz weit verbreitet. Ihr Vater Thomas Pähtz ist Schachgroßmeister und war Nationalspieler in der DDR. Ihre Tante und ihr Onkel sind ebenfalls starke Schachspieler.

Nachdem Elisabeth Pähtz vom Weltschachbund FIDE schon mit dem Großmeisterinnentitel der Frauen ausgezeichnet worden war, verlieh die FIDE ihr 2022 auch den absoluten Großmeistertitel. Die Anforderungen dafür sind höher. Bisher konnten weltweit erst 40 Frauen den absoluten Großmeistertitel gewinnen, Elisabeth Pähtz als erste und bisher einzige Deutsche. Die Wahlberlinerin gehörte lange zur erweiterten Weltspitze und nahm regelmäßig an Turnieren zur Frauenweltmeisterschaft teil. Jetzt bereitet sie sich aber auf ihre Mutterschaft vor und kümmert sich als Schachtrainerin um den Nachwuchs.

Um ihre besonderen Fähigkeiten im Schach zu zeigen, geben Schachprofis gerne so genannte Simultanvorstellungen, bei denen sie gleichzeitig gegen eine bestimmte Anzahl von Gegnern antreten. Elisabeth Pähtz ist regelmäßig in Hamburg zu Besuch, da sie schon seit Jahren für den Hamburger Software-Schachverlag ChessBase Video-Schachkurse aufnimmt. Außerdem spielt sie inzwischen für den Hamburger Schachverein SK Johanneum Eppendorf. Eine gute Gelegenheit, sie ins Stavenhagenhaus einzuladen. Die Groß Borsteler Schachgruppe vermittelte den Kontakt.

Die Räume im Stavenhagenhaus bieten nur begrenzt Platz für solch eine Veranstaltung und so war die Teilnehmerzahl eigentlich auf 15 Gegner beschränkt. Wegen des großen Interesses saßen am Ende aber 20 Gegner an den Tischen, fast alle mit ordentlicher bis guter Klubspielstärke. Hamburg ist eine Schachhochburg mit 40 Schachvereinen. Der größte Verein ist der Hamburger Schachklub von 1830, auch einer der größten Vereine in Deutschland. Er ist zudem der zweitälteste noch bestehende Schachklub in Deutschland und der zweitälteste Sportverein in Hamburg. Der Hamburger SK hat auch die meisten deutschen Großmeister hervorgebracht. Aus den Reihen des Hamburger SK nahm eine Reihe von Schachfreunden teil, aber auch aus anderen Hamburger Vereinen und dem Umland. Einige Schachfreunde und Fans von Elisabeth Pähtz reisten von weit an. Ein Schachfreund kam extra für die Veranstaltung aus Hessen. Ein anderer Schachfreund reiste von der Ostsee an. Altersmäßig war alle Generationen vertreten. Die jüngste Teilnehmerin war gerade einmal sieben Jahre alt.

Bevor es mit dem Simultan losging, gab Elisabeth Pähtz im Esther Bejarano-Saal eine kleine Schachlektion, in der sie anhand einer konkreten Stellung erklärte, wie ein Großmeister eine Position analysiert und schließlich die beste Möglichkeit findet. Dann ging es an die Bretter und man sah, dass so eine Simultanvorstellung für einen Schachprofi, vor allem körperlich harte Arbeit ist, denn die Großmeisterin eilte schnellen Schrittes von Brett zu Brett. Nur manchmal verweilte sie an einem Brett für ein paar Sekunden, um nachzudenken.

Jeder Turnierschachspieler erhält gemäß seinen Ergebnissen bei Wettkämpfen und Turnieren eine Wertungs- oder Ratingzahl, die so genannte Elozahl. Elisabeth Pähtz hat eine Elozahl von etwa 2410. Der weltbeste Spieler Magnus Carlsen hat 2830 Elo und ein guter Klubspieler hat etwa 2000 Elo. Anhand der Elozahlen der Gegner von Elisabeth Pähtz errechnete ein Zuschauer schon während der Veranstaltung mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz das voraussichtliche Ergebnis. Seine Vorhersage: 16:4 für Elisabeth Pähtz. Und so kam es. Die Großmeisterin gewann 15 Partien. Drei Partien gingen verloren und zwei Partien endeten remis. Die Teilnehmer waren begeistert, vom Auftritt der besten deutschen Schachspielerin, aber auch vom sehr schönen Ambiente im Stavenhagenhaus.

André Schulz