Freitag, 20. März 2026, 19.30 Uhr, Stavenhagenhaus
Die Welt des Tabaks. Dokumentarfilm über Tabak-Kulturen und Zigarettenherstellung (1955/56, 90 Min.)
Einführung: Dr. Christiane Stahl, Direktorin der Alfred Ehrhardt Stiftung Berlin
Der im Auftrag der Tabakfirma Reemtsma entstandene, abendfüllende Schwarzweißfilm folgt der Aussaat und Aufzucht der Tabakpflanze bis zur ausgelieferten Zigarette in drei etwa gleichlangen Teilen: traditioneller händischer Tabakanbau in Griechenland und der Türkei, Tabakernte mit Maschineneinsatz in Virginia/USA und schließlich die Verarbeitung der Blätter in einer modernen Zigarettenfabrik in Hamburg. Diese Dreiteilung hat einen Sinn: Mit Mischungen aus Orient- und Virginia-Tabaken ist Reemtsma zum deutschen Marktführer für American Blend Zigaretten aufgestiegen. Ende der 1920er Jahre galt Philipp Reemtsma als „König der Zigarette“, denn die Reemtsma AG beherrschte den deutschen Markt und schuf mit der Geschäftsidee einer Markenzigarette, die durch Tabakmischungen stets die gleiche Qualität garantiert, ein Tabak-Imperium. Heute ist die Reemtsma AG als Teil von Imperial Tobacco der viertgrößte Tabakkonzern der Welt. Die im Film gezeigten Qualitätskontrollen lassen spüren, dass es sich um einen Imagefilm handelt. Aber den Ausgleich schaffen Bilder von Sehenswürdigkeiten wie die Blaue Moschee in Istanbul, die Athener Akropolis, die New Yorker Hochhäuser und dem Hamburger Welthafen.
Mitte der 1950er Jahren waren Kinderarbeit und Rassentrennung noch gang und gäbe. Heute bewerten wir die sozialen Umstände anders. Zurecht kritisiert der Filmhistoriker Thomas Tode die „… aus heutiger Sicht irritierend altväterlich gönnerhaften Anmerkungen über ‚den‘ Orientalen, die farbigen US-Arbeitskräfte oder die Produktivitätsunterschiede, deren provozierend lässiger, den Respekt vermissenlassender Jargon offenbar witzig sein soll“. Andererseits ist es tröstlich zu sehen, dass die gesellschaftlichen Bedingungen heute andere sind.
Die für die Passage zur Zigarettenfabrik komponierte Musik von Kirchenmusikdirektor Kurt Fiebig unterstreicht die agile, effektive, rationale Funktionalität der Maschinenprozesse und ist letztlich eine Technik-Apotheose. Ansonsten bleibt die Filmmusik leise im Hintergrund, obwohl Ehrhardt vor Ort recht schöne orientalische Gesänge, amerikanische Spirituals und einen Auktionator-Singsang aufgenommen hat. Auch erwähnenswert erscheint der Einsatz von genuinen Filmtricks: Um rasante Maschinentätigkeiten besser sehen zu können, befiehlt der Sprecher – scheinbar live – den Einsatz von Zeitlupe, Stopptrick und (bei einem Fehlstück) Rückwärtslauf.
Alfred Ehrhardts Film ist Dokument des ungebrochenen Glaubens an Wirtschaft und Fortschritt der westlichen Welt.
Text: Dr. Christiane Stahl, Foto: Loredana Nemes

