Konrad Adenauers Flug nach Moskau (II): Die Carl-Götze-Schule und Walter Bärsch
1955 hatte die sowjetische Regierung Bundeskanzler Konrad Adenauer zu Gesprächen nach Moskau eingeladen. Nach gründlicher Vorbereitung nahm Adenauer die Einladung an.
Bevor die deutschen Regierungsvertreter die Reise in die UdSSR antraten, hatte es wochenlange Verhandlungen mit den Westmächten, mit den Dienststellen in der Sowjetunion und vor allem innerhalb der deutschen Regierung über den Inhalt der Gespräche, die Prioritäten und den möglichen Ablauf gegeben. Schließlich einigte man sich auf einen Fahrplan. Den Sowjets war besonders an der Aufnahme diplomatischer Beziehungen gelegen, sowie an wirtschaftlichem und kulturellem Austausch. Die Deutschen wollten über das Schicksal der Kriegsgefangenen und der Verschleppten reden und über die Bedingungen, unter denen vielleicht eine Wiedervereinigung möglich sein könnte.
Schließlich starteten Bundeskanzler Konrad Adenauer, Außenminister Heinrich von Brentano, einige weitere Offizielle und viele Begleitpersonen für alle möglichen Aufgaben am 8. September mit zwei von der Lufthansa gemieteten Super Constellations (D-ALIN und D-ALEM) den Flug zum Flughafen Moskau-Wnukowo an. Der Startflughafen war nicht Hamburg, Basis der Lufthansa, sondern der Regierungsflughafen Köln/Bonn.
Bei den Verhandlungen in Moskau erzielten die beiden Delegationen am 12. September recht schnell eine Einigung über die Aufnahmen von diplomatischen Beziehungen und beschlossen auch die Rückkehr der letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland. Kurz vor dem Ende der Verhandlungen wurde auch eine Freilassung der Zivilinternierten vereinbart. Nikolai Bulganin gab Konrad Adenauer per Handschlag sein persönliches Ehrenwort, die deutschen Gefangenen eine Woche nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen freizulassen. So geschah es auch. Am 7. Oktober kamen die ersten 600 Männer per Zug im Grenzdurchgangslager Friedland an. Unter den freigelassenen Gefangenen befanden sich allerdings auch eine Reihe von NS-Verbrechern, die später in Deutschland vor Gericht gestellt wurden.
Die Rückkehr der letzten Kriegsgefangen sorgte in der deutschen Öffentlichkeit für große Begeisterung und wurde als großer Erfolg von Konrad Adenauer gefeiert. Davon profitierte auch seine Partie, die CDU. Sie erreichte bei der folgenden Bundestagswahl 1957 mit 50,2 % der Stimmen das bestes Ergebnis ihrer Geschichte.
Im Jahr 1955 befand sich der spätere Groß Borsteler Architekt Peter Holst noch im Kindesalter und besuchte die Carl-Götze-Schule. Dort unterrichtete zu dieser Zeit auch Walter Bärsch. Der engagierte Lehrer hatte die Adenauerreise auch verfolgt und lud den Piloten Ernest Pretsch, der gegenüber von der Schule wohnte, zu einem Vortrag in die Schule ein. Vor den Schülern berichtete der Pilot auf Englisch von dem aufregenden Flug und erzählte zum Beispiel, dass der Flugkorridor, der den deutschen Flugzeugen in Russland zugestanden wurde, ungewöhnlich schmal war, verbunden mit der Androhung, die Flugzeuge abzuschießen, wenn sie den Korridor verlassen hätten. So schlimm wäre es aber wohl nicht gekommen. Die Kinder waren von dem Gast und seiner Erzählung begeistert.
Der Groß Borsteler Lehrer Walter Bärsch, der den Vorstrag organisiert hatte, war bei seinen Schülern und auch bei den Kollegen sehr beliebt und macht in der Folge als Pädagoge eine große Karriere. Von 1949 bis 1959 unterrichtete er an der Carl-Götze-Schule. Dann wechselte er an eine Sonderschule für Verhaltensgestörte in der Bülaustraße, später Hinrichsenstraße. Er wurde dort 1960 stellvertretender Schulleiter, dann erster Schulleiter. 1967 wurde Bärsch Leiter Hamburger Schülerhilfe und drei Jahre später Oberschulrat in der Schulbehörde. 1977 berief die Universität Hamburg Bärsch auf eine Professur für Behindertenpädagogik. Im Laufe seiner Arbeit veröffentlichte Bärsch 40 Abhandlungen zur Pädagogik. 1983 wurde Bärsch emeritiert. Neben seinem Beruf war Walter Bärsch auch immer ehrenamtlich aktiv, seit den 1960er Jahren im Kirchenkreis Alt-Hamburg, dann in der Nordelbischen Kirche. Ab 1981 war er Präsident im Deutschen Kinderschutzbund, ab 1991 der Ehrenpräsident. Von 1966 bis 1980 gehörte Walter Bärsch auch noch dem Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an.
Er starb 1996 in Hamburg. Nach seinem Tod wurde nach ihm eine Straße in Groß Borstel benannt. Anhand von Unterlagen, die man nach seinem Tode fand, stellte sich jedoch heraus, dass Walter Bärsch vor 1945 ein überzeugter Nationalsozialist war. 1914 in Weinböhla in der Nähe von Dresden geboren, studierte er nach der Schulzeit für das Lehramt, schloss das Studium 1937 mit dem Staatsexamen ab. Laut eigener Angabe hat er zudem 1943 in Prag in Psychologie promoviert, doch das konnte später nicht verifiziert werden. Bärsch hatte nach dem Krieg bestritten, dass er jemals in nationalsozialistischen Organisationen aktiv gewesen war, doch das war gelogen. Nach seinem Tod wurde festgestellt, dass er schon mit 18 Jahren Mitglied im „Stahlhelm“ war. Ab 1932 war er in der Hitlerjugend. 1933 trat er in die SS ein. Er nahm an den Aufmärschen der Reichsparteitage teil und trat 1934 in die NSDAP ein. Ab 1937 war er Altherrenführer im Nationalsozialistischen Studentenbund. Alle diese Fakten wurden erst nach dem Tode ermittelt.
Nicht nur in der Hamburger Schulbehörde tut man sich schwer, diesen Lebenslauf abschließend zu bewerten. Zudem gibt es Vermutungen, Bärsch könne als Präsident des Kinderschutzbundes pädophile Positionen vertreten haben. Diese Vermutung konnte aber nicht erhärtet werden.
Nachdem die Fakten über Walter Bärsch früheres Leben bekannt geworden waren, wurde ein Antrag auf Umbenennung des Walter-Bärsch-Weg eingereicht, bisher aber nicht umgesetzt.
Zum Schluss noch ein Hinweis für die Fans der Luftfahrgeschichte in Groß Borstel: Eine der beiden Super Constellation Maschinen des Moskau-Fluges (D-ALIN) kann in der Flugausstellung Hermeskeil (Landkreis Trier) besichtigt werden. Die erste Chef-Pilot der Lufthansa, Ernest Pretsch, flog Konrad Adenauer später noch einige Male zu verschiedenen Staatsbesuchen.
André Schulz
Titelbild: Bildunterschrift: Nikolai Bulganin, Konrad Adenauer, und der Erste Sekretär des ZK der KPdSU, Nikita Chruschtschow. Moskau, 9. September 1955.




