Vögel in Groß Borstel

Wintergoldhähnchen
Wintergoldhähnchen

Das Wintergoldhähnchen

Wenn Sie jetzt im Winter sehr kleine Vögel sehen, die  – meist in kleinen Trupps – rastlos durch das Geäst flattern, segeln und hüpfen, dann handelt es sich ganz bestimmt um Wintergoldhähnchen, die kleinste Vogelart Europas. Mit acht bis neun Zentimetern Körperlänge und bis zu sechs Gramm Gewicht unterbieten diese Vögel sogar die Zaunkönige (Groß Borsteler Bote Februar 2022). Ihren lateinischen Namen „Regulus regulus“ verdanken sie dem gelb-orangen Kopfstreif, der wie eine Krone wirkt. So heißt „Regulus“ auf deutsch „Kleiner König“ oder auch „Prinz“.  

Die rundlichen Gesellen mit den schwarzen Knopfaugen sind Brutvögel in ganz Europa. Ihr Bestand wird auf 20 bis 35 Millionen Brutpaare, in Deutschland auf über eine Millionen und in Hamburg auf 1700 Brutpaare geschätzt. Hier konnte der Vogel sein Brutgebiet seit den 1960er Jahren deutlich ausweiten, was vor allem der Umwandlung von reinen Nutzgärten in Ziergärten mit vielen immergrünen und beerentragenden Sträuchern und Bäumen zu verdanken ist.   

Wintergoldhähnchen  bewohnen bevorzugt die Kronendächer von Fichten, sodass es die höchsten Siedlungsdichten in ausgedehnten Nadelwäldern gibt. Aber gehören inzwischen auch größere Gruppen an Nadelbäumen oder koniferenreiche Gärten, Friedhöfe und Parks zu den regelmäßig besiedelten Lebensräumen des kleinen Vogels – auch in Hamburg. Verbreitungslücken existieren hier nur im Hafengebiet sowie in den Vier- und Marschlanden. 

 Wintergoldhähnchen weisen ein rundliches Aussehen und große schwarze Augen auf. Die Vögel sind an der Oberseite olivgrün, an der Unterseite schmutzig weiß gefärbt. Auffälligstes Merkmal ist ihr Scheitel, der  – eingerahmt von schwarzen Längsstreifen – bei den Männchen orange und bei den Weibchen eher gelb ausfällt. Der kleine spitze Schnabel und die Beine sind schwarz, die Zehen orange. Ihre Rufe und ihr Gesang erklingen so hochfrequent, dass sie von manchen – insbesondere älteren – Menschen nicht wahrgenommen werden können. Der Ruf besteht aus einem schrillen „sri-sri-sri“, das drei- bis viermal wiederholt wird. Der Gesang ist eher ein feines Wispern, das zyklisch wiederholt meist mit einem Triller endet. Während der Reviergesang nur vom Männchen angestimmt wird, tragen beide Geschlechter ihren Plaudergesang vor.  

Wintergoldhähnchen gehören ebenso wie das nur geringfügig größere Sommergoldhähnchen (Regulus ignicapilla) zur Gattung der Goldhähnchen (Regulus). Eine Verwechslungsgefahr besteht kaum, da Sommergoldhähnchen einen sehr auffälligen weißen Überaugenstreif aufweisen, der dem Wintergoldhähnchen fehlt. Außerdem gehören die Ersteren zu den Zugvögeln. Wintergoldhähnchen hingegen sind in Deutschland Standvögel und somit das ganze Jahr über bei uns anzutreffen. Im Winter wächst der hiesige Bestand durch nach Mitteleuropa ziehende skandinavische Populationen sogar deutlich.

Die Nahrung der kleinen Vögel besteht aus Insekten, vor allem Springschwänze und Spinnen. Tagsüber sind Wintergoldhähnchen überwiegend mit der Nahrungsbeschaffung beschäftigt. Sie klettern emsig auf den Unterseiten von Ästen und Blättern umher, um dort Insekten zu sammeln. Untersuchungen haben gezeigt, dass die  kleinen rastlosen Gesellen –  auch aufgrund einer Herzfrequenz von bis zu  600 Schlägen pro Minute – einen enorm hohen Kalorienbedarf haben. Deshalb nehmen sie an einem Tag eine Nahrungsmenge zu sich, die annähernd ihrem Körpergewicht entspricht. Im Winter suchen die Vögel sogar unter Schneedecken an Zweigen nach Insekten, weichen notfalls aber auch auf Sämereien aus. Vom Menschen lassen sich Wintergoldhähnchen bei ihrer emsigen Nahrungssuche kaum stören, sodass sie dann aus nächster Nähe beobachtet werden können.

Bevorzugte Schlafplätze der kleinen Vögel sind dichte Fichtenäste. Sie setzen sich auf deren Oberseite an Stellen, die durch darüber hängende Äste gut verdeckt sind. Insbesondere in Wintern versammeln sich dort mehrere Wintergoldhähnchen, mitunter dicht aneinander gedrängt.

Die kleinen Vögel zeigen ein ausgeprägtes Territorialverhalten. Dazu zählt ein Imponierverhalten beider Geschlechter sowohl bei der Verteidigung des Reviers als auch bei der Balz. Die Vögel plustern sich dabei auf und spreizen die Federn sowohl des Scheitels als auch des Schwanzes. Bei den männlichen Tieren  kann dieses Imponiergehabe sogar schnell zu direkten Angriffen führen, bei denen sie sich ineinander verkrallen und versuchen Schnabelhiebe auszuteilen.

Paarungswillige Männchen zeigen auch gegenüber Weibchen ein deutliches Imponiergehabe. Dieses Verhalten leitet eine so genannte Hetz-Kopula ein, bei der das Weibchen versucht, sich dem Männchen durch Flucht zu entziehen. Dieses Verhalten ist jedoch keine wirkliche Flucht, sondern Bestandteil des Balzrituals. In dessen Verlauf geht das Männchen schließlich dazu über, dem Weibchen mögliche Nistplätze zu zeigen. Besteht beim Weibchen an einem angebotenen Nistplatz Interesse, leitet das Männchen sofort den Bau eines Hängenestes ein. Dies geschieht in der Regel im dichten Zweiggewirr von Nadelbäumen, vorzugsweise Fichten.

Etwa ab dem dritten Tag beteiligt sich auch das Weibchen am Bau, der etwa 20 Tage dauert. Das Nest wird in Form eines kugelförmigen Napfes sehr gut wärmeisoliert aus Moosen, Flechten, Federn und Haaren gefertigt. Gehalten wird es von senkrecht herabhängenden Tannenzweigen, die fest mit der Außenwand verflochten sind.

Kurz vor der Eiablage fordert das Weibchen zur Verpaarung auf. Die Eiablage findet in den Monaten März oder April statt, eine zweite Brut folgt dann etwa im Juni. Die Gelege umfassen in der Regel acht bis elf weiße, braun gefleckte Eier, die je nur etwa ein Gramm wiegen. 

Wintergoldhähnchen Flugaufnahme

Die Vögel sind Schachtelbrüter. Das heißt, dass das Weibchen die Eier der zweiten Brut bereits legt, wenn die Küken der ersten Brut noch gar nicht flügge sind. Diese versorgt das Männchen mit Futter. Bebrütet werden beide Gelege jedoch ausschließlich vom Weibchen, das sich, auch aufgrund der guten Nestisolierung, halbstündlich auf Nahrungssuche begibt und nach etwa zehn Minuten zurückkehrt.

Die Jungen schlüpfen 15 bis 16 Tage nach Brutbeginn. Sie werden dann überwiegend vom Männchen gefüttert und die ersten Tage noch vom Weibchen gehudert. Schon bald jedoch beginnt das Weibchen mit dem Bau des zweiten Nestes. Erst an der Fütterung der gesclüpften zweiten Brut ist es dann ebenfalls beteiligt. Nach etwa 17 bis 22 Tagen verlassen die Jungen die Nester und werden noch weitere 12 bis 18 Tage von den Eltern mit Nahrung versorgt.

Wintergoldhähnchen werden etwa vier Jahre alt. Insbesondere in  strengen Wintern sterben viele von ihnen aufgrund der Kälte und des damit einhergehenden Nahrungsmangels – sie finden keine Insekten mehr.

Während die Aufforstung mit Fichten ab Ende des 18. Jahrhunderts zu einer Ausweitung der Brutareale und damit zu einer deutlichen Zunahme des Bestandes der Vögel führte, ist seit etwa 1990 durch die Klimaerwärmung und insbesondere durch die trockenen Sommer der letzten Jahre der Bestand an Fichtenwäldern deutlich geschädigt worden. Damit verlieren die Wintergoldhähnchen zunehmend ihre bevorzugten Brutgebiete. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Entwicklung auf den Bestand des „Kleinen Königs“ auswirken wird..

Text und Fotos:

Michael Rudolph