Groß Borstel in kriegerischen Zeiten (I) – Der Dreißigjährige Krieg

Christian IV. von Dänemark und Norwegen, Gemälde von Pieter Isaacsz, 1611–1616

Der letzte Krieg, den einige Groß Borsteler auch noch miterlebt haben, liegt noch nicht so lange zurück. Gerade wurde im Brödermannsweg noch ein alter Tiefbunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs (1939-45) beseitigt. Von den Schlachten im Ersten Weltkrieg 1914-18 und dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war Groß Borstel als Hamburger Stadtteil insofern betroffen, als Hamburg Regimenter für diese Kriege abstellte. Früher gab es auf dem Licentiatenberg eine Gedenktafel mit den Namen der Groß Borsteler Gefallenen. Der Deutsch-Französische Krieg hatte sein Vorspiel in den Napoleonischen Kriegen, 70 Jahre zuvor. Von 1806 bis 1814 war Hamburg von den Franzosen besetzt – keine gute Zeit für Hamburg und seine Bürger. Im Borsteler Boten vom November 2022 wurde darüber berichtet.

Die Franzosenzeit in Hamburg ist einigermaßen gut dokumentiert. Die Nachrichten aus früheren Zeiten sind dünner, besonders aus einem so kleinen Flecken wie Groß Borstel. Aber auch hier hat der Lauf der Geschichte Spuren hinterlassen. Die gut 100 Jahre zwischen 1618 und 1721 waren für die Bauern in Norddeutschland besonders herausfordernd.

1618 begann der Dreißigjährige Krieg, eine Kette von Konflikten, an denen viele europäische Mächte beteiligt waren. Die durchziehenden Heere verwüsteten die Städte und ganze Landstriche. Die Anzahl der Toten in Deutschland wird auf acht Millionen geschätzt, etwa ein Drittel der Bevölkerung. Die Stadt Hamburg manövrierte sich einigermaßen geschickt durch die lange Kriegszeit. Hamburg galt mit seinen starken Befestigungen als uneinnehmbar. Die umliegenden Dörfer waren jedoch schutzlos und wurden regelmäßig geplündert. Wenn es ganz schlimm kam, zahlte Hamburg Tribute oder Bestechungsgelder.

Ausgangspunkt des Krieges war der Aufstand der protestantischen Stände in Böhmen gegen die katholischen Habsburger. Der Krieg bewegte sich dann allmählich vom Süden in den Norden. 1626 griff der dänische König Christian IV. als Oberbefehlshaber einer Armee des niedersächsischen Reichskreises auf Seiten der protestantischen Kräfte gegen den Kaiser in den Krieg ein. Auf seinem Weg schlug Christian mit seinem Heer 1626 sein Lager in der Nähe von Groß Borstel auf, bevor er nach Süden weiterzog. Nach seinen Niederlagen gegen die kaiserlichen Armeen in den Schlachten bei Dessau und Lutter musste sich Christian 1627 jedoch mit seinem Heer aus Norddeutschland zurückziehen. Nun erschienen 1627 die kaiserlichen Heerführer Tilly und Wallenstein mit ihren Soldaten vor Hamburg und verwüsteten das Hamburger Umland. Das kleine Groß Borstel wird nicht explizit erwähnt, die Chronisten hielten aber die Überfälle und Brandschatzungen in Vierlande, Barmbek und Wandsbek, dann auch von Lokstedt und Eppendorf bis an den Grindel fest. Die Einwohner wurden getötet, das Vieh fortgetrieben und die Häuser niedergebrannt. Ein Teil des Heeres wurde auch in Groß Borstel untergebracht. Das Kloster St. Johannis vergütete den Bauern die Einquartierung mit Kostgeld. Hamburg zahlte Tilly und Wallenstein schließlich Bestechungsgelder, damit sie mit ihren Heeren weiterzogen.

Zehn Jahre später, 1637, zogen Söldner des Landgrafen von Hessen an Hamburg vorbei und „hausten auf schlimme Weise“, wie es in den Chroniken heißt. 1640 erschien erneut der dänische König Christian IV. vor Hamburg. Die Dänen brannten unter anderem den Kollauer Hof nieder und trieben das Vieh weg, Philipp Dieckmann, der Inhaber des Hofes, konnte fliehen.

Nach dem Tod des letzten Schauenburger Grafen Otto IV. erhob jetzt Christian IV. Anspruch auf die Grafschaft. Im „Flensburger Vergleich“ von 1641 wurde dem dänischen König schließlich gegen eine finanzielle Entschädigung die Grafschaft Pinneberg zugesprochen. Die Dörfer Lokstedt, Niendorf und Schnelsen wurden dänisch. In Altona bauten die Dänen den Hafen aus und verlegten eine Flotte an die Elbe, um Durchfahrtszölle zu verlangen und Hamburg als Hafenstadt Konkurrenz zu machen.

Christian IV. verlangte nun auch von Hamburg energisch sich seiner Oberherrschaft zu unterwerfen. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verschaffen, zog der dänische König Mitte des Jahres 1641 mit einem Heer bis vor die Tore der Stadt Hamburg und errichtete unweit von Groß Borstel, im Alsterbogen am Fuhlsbüttler Mühlenteich ein großes befestigtes Heerlager für 10.000 Mann. Für den Bau schlugen die Dänen in Fuhlsbüttel 3000 Eichen, fällten in Ohlsdorf weitere 1000 und im Groß Borsteler Jäger 1500 Eichen. Die Bauern in der Umgebung mussten große Mengen Getreide, Pferde und Vieh an die Dänen abgeben. Wegen der starken Hamburger Befestigungen und eines verstärkten Hamburger Truppenaufgebots konnte sich Christian IV. jedoch nicht zum Angriff entschließen. Er kam jedoch 1642 mit stärkeren Kräften zurück, schloss jetzt einen Belagerungsring um Hamburg und zwang die Stadt auf diese Weise sich zu unterwerfen. Außerdem musste Hamburg einen Tribut von 280.000 Talern zahlen. Nachdem diese Forderungen erfüllt waren, zog das dänische Heer ab.

1643 kam es zum Krieg zwischen Schweden und Dänemark, im Kampf um die Vorherrschaft in der Ostsee, den so genannte Thorstenssonkrieg. Im Dezember 1643 fielen die Schweden mit einem Heer im dänischen Holstein ein und verwüsteten auch die Gebiete der Elbmarschen. Mitte 1644 trat zwar das Deutsche Reich auf der Seite der Dänen in diesen Krieg ein, aber die Schweden gewannen dennoch im Verlauf der Kämpfe die Oberhand und Dänemark musste im August 1645 im Frieden von Brömsebro seine Niederlage eingestehen. Im Verlauf dieses Krieges hatte sich in Holstein um Bad Segeberg herum die Bande der Schnapphähne gebildet, die als Freischärler gegen die Schweden kämpften, aber auch Raubzüge unternahmen. Zeitweise nutzte die Bande den Groß Borsteler Alsterkrug als weiteren illegalen Stützpunkt, bis die Schweden das Räubernest ausheben konnten – kurz nachdem die Bande ein Dorffest in Groß Borstel überfallen hatten.

1648 endete der Dreißigjährige Krieg mit dem Westfälischen Frieden. Die erschöpften Menschen in den Dörfern außerhalb des befestigten Hamburg kamen etwas zur Ruhe. Doch der nächste Krieg ließ nicht lange auf sich warten.

Fortsetzung im nächsten Heft.

André Schulz

Zeitleiste

Ein kriegerisches Jahrhundert in Norddeutschland

1618-1648 Dreißigjähriger Krieg

1625-1629 Niedersächsisch-Dänischer Krieg

1626 Dänisches Lager bei Hamburg

1627 Tilly und Wallenstein vor Hamburg, Plünderungen in Vierlande, Barmbek, Wandsbek, Lokstedt und Eppendorf

1637 Hessische Söldner plündern Hamburger Umland

1640-1642 Dänisch-Hamburger Konflikt

1641 Dänischer Lager bei Fuhlsbüttel

1643-1645 Torstenssonkrieg, Schnapphahn-Bande im Alsterkrug

1655-1660 Kleiner Nordischer Krieg

1657 Dänisch-Schwedische Schlacht an der Tarpenbek-Brücke

1686 Dänische Intervention im Hamburger Aufstand

1700-1721 Großer Nordischer Krieg

1711 Pest in Dänemark und Holstein

1713 Schweden brennen Altona nieder