50 Jahre Georgiweg
Bald nach dem Krieg hatte es wegen des spürbaren Bevölkerungszuwachses auch in Groß Borstel emsige Bautätigkeit gegeben. In den 1950er- und 1960er-Jahren waren hier eine ganze Reihe von neuen Siedlungen unterschiedlicher Art entstanden: am Borsteler Bogen, im Moorweg, im Beerboomstücken, am Weg beim Jäger und zwischen Borsteler Chaussee und Klotzenmoor beispielsweise. Dann trat eine Pause ein und als letztes großes Neubaugebiet im letzten Jahrhundert – inzwischen gab und gibt es ja wieder einige Bauprojekte – wurde 1976/77 zwischen Köppenstraße und Woltersstraße der Georgiweg mit seinen anliegenden Häusern gebaut.
Vor dem Krieg hatte es im Übergang vom reinen Bauerndorf zum urbanen Stadtteil von Hamburg in Groß Borstel noch eine Reihe von gut sortierten Gärtnereien gegeben, die dann aber nach und nach aufgegeben wurden, die letzte zum Ende der 1960er-Jahre. Ein Grundstück an der Borsteler Chaussee 114-116 gehörte ursprünglich der Familie Burmester. Irgendwann schloss die Familie Burmester ihren eigenen Betrieb, verpachtete aber noch den südlichen Teil ihres Besitzes an die Gärtnerei Lorenzen. Diese machte sich mit ihrer Dahlienzucht einen Namen. Der Pachtvertrag endete 1969.
Bei ihrem Tod hatte die Witwe Auguste Burmester ihr gut 7000 qm großes Grundstück zwischen Köppenstraße und Woltersstraße der Kirche vermacht. Die Gemeinde St. Peter setzte ihr zum Dank auf dem Kirchengrundstück einen Gedenkstein, der dort auch heute noch besichtigt werden kann.
Ein Teil des Burmester-Grundstückes hatte wohl schon einige Jahre brachgelegen, und hohe Wildkräuter hatten sich auf dem Feld ausgebreitet. Für die Kinder aus den umliegenden Straßen war das Gelände ein willkommener Abenteuerspielplatz. An den Rändern existierten noch Gärten von Anwohnern der Woltersstraße und der Köppenstraße. Und zum Klotzenmoor hin gab es noch ein kleines Nadelwäldchen.
In der Nachbarschaft zum Burmester-Grundstück besaß die Zahnarztfamilie Böhm einige Flurstücke. Ursprünglich waren diese im Besitz von Louis Nipp gewesen, der an der Borsteler Chaussee 110 eine Schankwirtschaft betrieben hatte. Seitdem diese geschlossen wurde, existierten hier einige China- Restaurants, erst das China Town, heute das Shanghai House. Bei seinem Tod erbte Nipps Tochter Maria Nipp, verheiratet Böhm, die Grundstücke. Einige Kleingärtner pflegten hier nach Feierabend und am Wochenende ihre Gärten. Es gab auch noch eine kleine Obstplantage mit ca. 30 Bäumen.
Das schöne und unbebaute Gelände mitten in Groß Borstel bot sich natürlich zum Bau von Wohnhäusern an. Ursprünglich wollte die Kirchengemeinde St. Peter selber zum Zweck der Zukunftssicherung auf dem ihr vermachten Grundstück Häuser mit Wohnungen und Ladenlokalen bauen. Auf dem südlichen Teil sollte nach Ende des Pachtvertrages mit der Gärtnerei Lorenzen ein Kindergarten oder ein Altenheim entstehen. Doch diese Pläne ließen sich nicht realisieren. Schließlich verkaufte die Kirche das Grundstück in mehreren Teilen, unter anderem an die Stadt Hamburg, zu einem Gesamtpreis von 954.000 DM.
Die Stadt Hamburg bereitete das Gelände nun für den Bau einer neuen Siedlung in Groß Borstel vor. Mit der Ausarbeitung eines Bebauungsplanes beauftragte die Stadt den Groß Borsteler Architekten Heinrich Holst, der im Warnckesweg sein Büro hatte. Am 11. Juni 1968 wurde der „Bebauungsplan Groß Borstel 8“ zur Einsicht im Staatsarchiv ausgelegt. Ganz so, wie es damals geplant war, ist es dann allerdings nicht gekommen. Ursprünglich war angedacht, an der vorhandenen Gabelung der Köppenstraße einen Straßenabzweig zu bauen, der bis zur Woltersstraße führen sollte. Von dieser nach Süden hin verlaufenden neuen Straße sollte in westlicher Richtung die Straße abzweigen, die heute den größten Teil des Georgiweges ausmacht. Tatsächlich wurde die neue Straße dann aber nicht bis zur Woltersstraße fortgesetzt, sondern in einem Bogen in westlicher Richtung zur Borsteler Chaussee hin geführt. Die Straße endet in einem Wendehammer vor den Häusern, die die Borsteler Chaussee säumen. Eine Verbindung zur wenigen Meter entfernten Borsteler Chaussee gibt es nur für Fußgänger und Fahrradfahrer. So war es auch schon im Bebauungsplan von 1968 vorgesehen.

Das Siedlungsprojekt Georgiweg wurde im Wesentlichen in den Jahren 1973 bis 1975 durchgeführt und im November 1975 fertiggestellt. Die Häuser konnten aber erst 1977 bezogen werden. Zunächst entstand eine 100 Meter lange und 10 Meter breite Straße, an der nach unterschiedlichen Plänen und von unterschiedlichen Bauträgern die anliegenden Häuser gebaut wurden. Für die verschiedenen Abschnitte waren neben verschiedenen Bauträgern auch unterschiedliche Architekten verantwortlich. Der Groß Borsteler Architekt Heinrich Holst war für die Planung der Giebeldachhäuser 23-39 verantwortlich. Er hatte allerdings kein Glück bei diesem Projekt, denn der verantwortliche Bauträger dieser Häuser, das Bauunternehmen Dittrich Franz aus Blankenese, ging während des Baus insolvent, und Holst erhielt nur einen Teil seines Honorars und das auch nur unter Schwierigkeiten.
Schon während des Baus der Straße wurde im Kommunalverein darüber beraten, wie die neue Straße heißen sollte. Da Groß Borstel einst Standort einer meteorologischen Drachenstation und Wohnort mehrere Meteorologen war, wurde vorgeschlagen, die Straße nach den Meteorologen Johannes Georgi oder Erich Kuhlbrodt zu benennen. Letztlich fiel die Wahl auf Johannes Georgi, der sehr eng mit seinem Wohnort Groß Borstel verbunden war. So kam es zum „Georgiweg.“ Allerdings sollte nach Erich Kuhlbrodt, wie Georgi an der Deutschen Seewarte beschäftigt, bei nächster Gelegenheit ebenfalls eine Straße in Groß Borstel benannt werden. Das ist bisher noch nicht geschehen.
Die Anwohner des Georgiweges pflegen eine freundschaftliche Nachbarschaft und gehören zudem zu den Groß Borsteler „Motoren“. Viele „Georgianer“ sind oder waren in den Groß Borsteler Institutionen aktiv, in der Gemeinde St. Peter, dem Kommunalverein, den Freunden des Stavenhagenhauses und der Initiative Marcus und Dahl.
André Schulz
Mit bestem Dank für die Unterstützung an Heio Nölke und Peter Holst.



