Als das Stavenhagenhaus noch ein Wohnhaus war

von Christiane Herzberg-Schupp, geb. Wallbaum

Meine Großeltern zogen 1929 mit ihren Kindern ins Stavenhagenhaus, als es gerade aus privater Hand in den Besitz der Stadt Hamburg übergegangen war und noch Frustberghaus hieß. Damals war mein Vater Hellmut Wallbaum, das älteste der drei Kinder, sechs Jahre und die Jüngste gerade ein Jahr alt.
Sie bezogen die Wohnung oben rechts, in der jetzt das Standesamt untergebracht ist. Als meine Cousine dort heiratete, konnte ihre Mutter, die Schwester meines Vaters, den Anwesenden beschreiben, wie zu ihrer Zeit die Wohnsituation dort war. Welches die Kinderzimmer waren und wo im Wohnzimmer das Klavier stand, an dem ihr Vater gerne saß und spielte.

Hier fanden die Musikabende statt, an die sich auch Ilse Feise, geborene Schümann, erinnerte und im Groß Borsteler Boten beschrieb. (Nov. 2013, 95. Jahrgang) Allerdings ist es nach so vielen Jahren wohl nicht immer leicht, die damalige Situation vollständig richtig zu vergegenwärtigen. So lebten im Frustberghaus zum Kriegsende tatsächlich Flüchtinge und Ausgebombte. Sie waren in der Wohnung unten links untergebracht, wobei jedes Zimmer von einer anderen Familie bewohnt wurde.

In den übrigen Wohnungen lebten aber weiterhin die bisherigen Mieter, wie auch meine Großeltern, die also nicht vorübergehend als Ausgebombte hier einquartiert waren. Es wäre sicher auch kaum vorstellbar, dass Ausgebombte mit einem Klavier ausgestattet sind. Auf diesem begleitete mein Großvater auch nach dem Krieg beispielsweise angehende Opernsänger, die oft sehr nervös waren, bevor sie den Gästen aus Familienangehörigen und dem Freundeskreis einige Lieder ihres Repertoires vorsangen.

Mein Vater Hellmut kam, kurz nachdem die Familie ins Frustberghaus eingezogen war, in Groß Borstel in die Schule, lernte dort den Groß Borsteler Werner Schümann kennen und war mit ihm sein Leben lang freundschaftlich verbunden. Sie verbrachten als Kinder viel Zeit zusammen, u.a. im riesigen Garten des Frustberghauses und auch im Haus selbst. So nutzten sie die Zeitschaltuhr im Treppenhaus bei ihren kleinen Boxkämpfen: Wenn das Licht ausging, war eine Boxrunde um. In den großen Bäumen, die auch damals schon das Dach des Hauses weit überragten, saßen häufig Rabenvögel. Als sie einmal die Familienkatze angriffen, konnte mein Vater sie retten, indem er durch das Fenster seines Zimmers in den Baum kletterte und sie zurück in die Wohnung in Sicherheit brachte.

Als ich 1952 auf die Welt kam, wohnten meine Eltern ebenfalls in Groß Borstel, und zwar in einem der Siedlungshäuser, welche die Firma Ad. Strüver für ihre Mitarbeiter baute. Wir hatten einen schönen Blick auf den Firmenpark und hinter dem Haus gab es Möglichkeiten, um draußen zu sein. So gab es Platz zum Trocknen der Wäsche und – für mich besonders wichtig – eine Sandkiste, die mir mein Vater gebaut hatte.

Aber alles das war nichts im Vergleich mit dem prachtvollen Park beim Frustberghaus mit seinen riesigen Bäumen, den Ligusterhecken und prächtigen Rhododendronbüschen. Ich war immer wieder glücklich, wenn wir zu den Großeltern gingen und im Garten Zeit mit der Familie verbrachten.

An heißen Tagen wurde hier auf der Rasenfläche eine Zinkbadewanne aufgestellt und mit Wasser gefüllt, so dass ich und später auch meine zwei Jahre jüngere Schwester darin nach Herzenslust plantschen konnten. Die Erwachsenen sonnten sich auf Liegestühlen oder saßen beim gemütlichen Kaffeetrinken auf Stühlen beisammen, die aus der Wohnung heruntergebracht worden waren. Manchmal verschwand auch mein Großvater nach oben in die Wohnung und kam mit Platten zurück, auf welchen liebevoll zubereitete und verzierte Brothäppchen lagen, die wir alle mit Genuß verzehrten.

Irgendwann wurde dann der Garten verkleinert. Ich erinnere mich an Abtrennungen aus Metall und an den Beginn der Bauarbeiten für die Einfamilienhäuser am Lokstedter Damm. Auch als 1957 eines Abends ein Angestellter der Stadt Hamburg kam, um meinen Großeltern mitzuteilen, dass sie aus dem Frustberghaus ausziehen müssen, war ich mit meinen Eltern gerade zu Besuch dort.

Ich kann mich noch an die Stimmung im Treppenhaus erinnern, das damals dunkel und nicht so hell wie jetzt nach der Renovierung war. Meine Großeltern waren über die Kündigung sehr bestürzt, da sie in diesem Haus nun schon so lange und immer noch gerne wohnten.
Es war ihr Lebensmittelpunkt: Hier kam immer wieder die Familie zusammen, nachdem die Kinder – mittlerweile verheiratet und ausgezogen – z.T. auch selbst Nachwuchs bekommen hatten. Meine Großmutter ging von dort als Lehrerin zur Arbeit, bereitete danach in der Wohnung den nächsten Unterricht vor oder korrigierte Klassenarbeiten. Mein Großvater war zu der Zeit bei der Schulbehörde angestellt. Denn seine vor der Weltwirtschaftskrise 1928/29 gutgehende Druckerei konnte er einige Zeit danach nicht mehr halten. Er hatte zwar versucht, gegen den Wertverlust anzuarbeiten, indem er jeden Tag wertvolle Dinge wie Teppiche kaufte, die er dann teilweise am nächsten Tag wieder veräußerte, um seinen Angestellten ihren Tageslohn auszahlen zu können. Aber die Zeiten waren einfach zu schwierig und viele Betriebe machten Konkurs.

Während des Krieges blieb das über 200 Jahre alte Frustberghaus unbeschädigt. Die bei einem Haus eigentlich üblichen regelmäßigen Ausbesserungsarbeiten und Renovierungen fanden in dieser Zeit aber sicherlich auch nur reduziert statt. Es war aber nicht so, wie Traute Matthes-Walk es im März 2006 vermutete, als sie schrieb: „ Doch durch zahlreiche Einquartierungen während und nach dem II. Weltkrieg verkam das Gebäude und wurde für unbewohnbar erklärt.“ Denn es wurde noch 1957 ganz normal bewohnt und die – für damalige Verhältnisse – gut situierten Mieter fühlten sich dort auch wohl und hatten nicht das Gefühl, in einer „Abbruchbude“ zu wohnen.

Nach dem II. Weltkrieg waren zwar nicht in Groß Borstel, aber überall in der Innenstadt von Hamburg viele Ruinen zu sehen. Manche Teile der Stadt lagen wirklich in „Schutt und Asche“. Viele Menschen hatten ihr Zuhause verloren und andere strandeten hier zudem auch noch als Flüchtlinge. Dadurch war die Wohnsituation in Hamburg äußerst problematisch und es wurde notwendig, neue Häuser zu bauen, um ausreichend Wohnraum zu schaffen. Für dieses Unterfangen musste außerdem Geld vorhanden sein, das es nach der Währungsreform sicher auch nicht im Überfluss gab. Daher sah man es wohl als sinnvoller an, das seit 1937 unter Denkmalschutz stehende Herrenhaus abzureißen und auch noch den restlichen Park zu parzellieren, um daraus Grundstücke für weitere Einfamilienhäuser zu machen, deren Verkauf außerdem benötigtes Geld einbrachte.

Welchen Stellenwert dieses Haus für meine Familie hat, wird dadurch deutlich, dass mein Vater es mehrmals malte:

1945, Stavenhagenhaus von der Vorderseite, als der Vater aus dem Krieg kam
1957, Die Gartenansicht, kurz vor dem Auszug der Familie

Da er jedes dieser Aquarellbilder ein paar Mal anfertigte, hängen sie nun bei einigen Verwandten und auch bei mir an der Wand. Eines dieser Bilder schmückt auch das Zuhause meiner 96-jährigen Mutter und stellt für sie einen angenehmen Bezug zur Vergangenheit her. Wie gut, dass viele Bürger aus Groß Borstel die Initiative ergriffen, um das Frustberghaus vor dem Abriss zu bewahren, und die Idee hatten, es stattdessen als Kulturzentrum zu erhalten, so dass es nun seit 1962 wunderbar restauriert als Stavenhagenhaus weiter existiert.