Die Entwicklung Groß Borstels
Montag, 29. Juni 2009
Wann genau die ersten Ansiedlungen in Borstel entstanden, ist nicht mehr festzustellen. Der erste urkundliche Beleg von Borstel aus dem Jahre 1325 besagt aber, dass die bereits bestehenden Dörfer “Alsterdorf und Borstel mit allen Aeckern, bebaut und unbebaut, Wäldern, ... Wiesen, Weiden, dem Moor belegen am Bache Terweke ...” von Graf Adolf von Holstein, Stormarn und Schauenburg an den Probst des Klosters Jungfrauental (Herwardeshude) verkauft worden sind. Jahrhunderte lang lebten die Bauern auf ihren Bauernhöfen, ohne dass sich viel veränderte.
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   Das Bauernhaus der Familie Remstedt an der Ecke Warnckesweg/Lokstedter
   Damm. Im Vordergrund links der Feuerlöschteich.   Aufnahme vor 1900








In der Mitte des 17. Jahrhunderts mischten sich erstmals Städter in die Reihen der bis dahin dörflichen Gemeinschaft. Die Hamburger Bevölkerung war während des und nach dem 30jährigen Krieg rapide angewachsen. Es war eng geworden innerhalb der Wallmauern, deren Tore sich mit Einbruch der Dunkelheit schlossen. Wer es sich leisten konnte,  erwarb vor den Toren der Stadt Grundbesitz und legte einen großen Park an – einen sogenannten “Lustgarten”. Auch in Groß Borstel gab es diese Lustgärten, von denen drei beim näheren Hinschauen noch erkennbar sind, der vierte wurde 1937 zum Industriegebiet. Es ist der seit ca. 1680 bestehende Petersenpark, das heutige Strüvergebiet, Niendorfer Weg/Papenreye. Am bekanntesten ist der Frustbergpark (seit ca. 1650) mit dem Stavenhagenhaus. Der alte Baumbestand in der Kita am Brödermannsweg macht es mit nicht allzu großer Fantasie möglich, sich den 1753 angelegten “Brödermanns-Kohlgarten” vorzustellen, und über die aktuelle Entwicklung von “Pehmöllers Garten” (seit 1740), der ebenfalls mit altem Baumbestand und einem Teich vorhanden ist, haben Sie immer wieder im “Boten” lesen können. Wie groß der Anteil dieser Lustgärten am Dorf Borstel war, sehen Sie auf der Karte von 1791.
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Alle Parks sind aus ehemaligen Hofstellen der Borsteler Bauern hervorgegangen.
Begehrt war Borstel wegen seiner wunderschönen Umgebung mit der Tarpenbek, die noch nicht kanalisiert war, dem Eppendorfer Moor,  dem Borsteler Jäger und der Borsteler Heide (jetzt Flughafen). 
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kam die nächste große Veränderung mit der Industrialisierung. Sie begann für Borstel bereits im Jahre 1846, als zwei Borsteler Vollhufner (der Dorfvogt Hinsch und der Bauer Mähl) innerhalb weniger Jahre das gesamte Gebiet zwischen der Borsteler Chaussee und der Tarpenbek vom Rosenbrook bis hinauf zum Brödermannsweg verkauften. Es wurde nach und nach zum Gewerbegebiet.
Zuerst siedelte sich eine Nickelfabrik (heute etwa bei REWE) an, die Münzen prägte.

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ehemalige Nickelfabrik, heute REWE       ehemalige Lederfabrik Velten, heute Alpha Park

Es folgten innerhalb der nächsten drei Jahre eine Kattunfabrik und eine Lederfabrik. Seit 1884 war Heinrich Josef Velten der Besitzer der Lederfabrik. Er betrieb sie noch bis zum 2. Weltkrieg, danach  wurden die Gebäude an Gewerbetreibende und Büros verpachtet, 1996 entstand der Alpha Park. 
Das nächste große Gebiet wurde 1873 im Norden Borstels verkauft. Wiederum verkauften zwei Vollhufner sowohl ihre Hofstellen (heute Gewerbegebiet Haldenstieg/In der Masch) als auch ihre Ländereien, die sich von der Köppenstraße hinauf bis zum Spreenende/Weg beim Jäger zogen.  Dort legten die Konservenfabrikanten Gebr. Koopmann ihre Spargelbeete an.  Aber schon nach 20 Jahren verkauften sie den gesamten Besitz an den Hamburger Staat (ca. 980.000 qm).

Bis zu diesem Zeitpunkt - also um 1900 - hatte die Entwicklung Borstels ähnlich wie  in den Nachbardörfern Eppendorf, Winterhude, Lokstedt oder Niendorf stattgefunden. Doch während sich die Einwohnerzahlen der Nachbardörfer zwischen 1900  bis zum 2. Weltkrieg vervielfachten und die Wohnbebauung vorangetrieben wurde, wuchs Gr. Borstel nicht wesentlich an. 1894 hatte Gr. Borstel ca. 1.900 Einwohner, Eppendorf ca. 19.000, 1938 war Gr. Borstel auf 4.200 Einwohner angewachsen, Eppendorf auf über  80.000.  Was war also der Grund für diese unterschiedliche Entwicklung?
1909 suchte die Stadt Hamburg nach einem geeigneten Gelände für den Bau einer Luftschiffhalle. Hierum bewarb sich u.a. auch Gr. Borstel. Da die meisten Ländereien der Bauern auf dem Geestrücken im Norden lagen, der für Flugbetrieb besonders geeignet war, entschied man sich für dieses Gelände. Und wiederum gingen große Ländereien an den Hamburger Staat.  1891 war bereits die Borsteler Rennbahn angelegt worden, ab 1910/11 fanden dort große Flugschauen statt und 1912 wurde die Zeppelinhalle eingeweiht.
borsteler_rennbahn_eingang


Die 1891 am Weg
beim Jäger angelegte
"Borsteler Rennbahn",
auf der ab 1910 auch
Flugschauen statt-
fanden. Heute Haupt-
eingang zur Lufthansa
Technik.


 zeppelin_mit_halle

Die Luftschiffhalle
wurde 1912
in Betrieb
genommen.
rumpler_taube_vor_luftschiffhalle Eine Rumpler Taube vor der Luftschiffhalle wird von der
Hamburger
Bevölkerung
bestaunt.
Damit war der Weg für den Aufbau und Ausbau des jetzigen Flughafens und der Lufthansa Technik vorgezeichnet. Auch das Gebiet zwischen Weg beim Jäger, Sportallee und Alsterkrugchaussee ging an den Hamburger Staat, der es zunächst an Bauern verpachtete und später als Kleingartengebiet auswies. Ab 1990 wurde nach und nach flughafennahes Gewerbe angesiedelt. Als einziger Rest blieb der sogenannte “Silberteich” am Geschwister-Beschütz-Bogen erhalten.
silberteich








Der sogenannte "Silberteich" am
Geschwister-Beschütz-Bogen.
Aufnahme: 2009
Bis zum Beginn des 2. Weltkrieges gehörten 2/3 der Gemarkung Groß Borstel der Hansestadt Hamburg.
In Gr. Borstel entstanden also - im Gegensatz zu den umliegenden Stadtteilen - auf den ehemaligen Ländereien der Bauern keine Wohnungen, sondern überwiegend Gewerbegebiete. Mit Ausnahme des großen Gebietes zwischen der Köppenstraße und dem Spreen-
ende/Weg beim Jäger, dort wurden Mitte der 1950er Jahre zwei große Siedlungen gebaut:  Die Stutzenkamp-Siedlung von 1952, die Saga-Siedlung Beerboomstücken (1956/57).
 stutzenkamp_siedlung

Stutzenkamp-
siedlung von
1952
hochhuser_klotzenmoor_1968


Die zwei Hochhäuser
am Klotzenmoor,
1968
In den folgenden Jahren entstanden die vielumkämpften drei Hochhäuser an der Borsteler Chaussee und am Klotzenmoor, weitere kleinere Bauprojekte entstanden u.a. am Brödermannsweg/Geesmoor, Moorweg, an der Koldeweystraße, dem Georgiweg und der Lehrersiedlung am Ortleppweg. Wenn Sie sich aber noch einmal vergegenwärtigen, welche Gebiete mit Wohnungen bebaut wurden und welche Flächen zu Gewerbegebieten wurden, verstehen Sie, was Groß Borstel von den umliegenden Stadtteilen unterscheidet und warum wir es heute mit einer schrumpfenden Einwohnerzahl zu tun haben.                                                                   Traute Matthes-Walk